Tugend-Terror – Im Rausch des Verbietens

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Verboten – Verboten – Verboten

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«Ein Rausch des Verbietens hat die Republik erfaßt. Wer derzeit das Treiben der gesetzgebenden Körperschaften im Lande verfolgt, muß zu Schluß kommen, daß sich die deutsche Politik, Medien und Mehrheitsgesellschaft zu einem gemeinsamen Ziel verschworen haben:

Das Leben soll ungemütlicher werden.

Alkohol und Tabak, Hunde und schnelle Autos, Flugreisen und Computerspiele, Fernsehen und Fast Food – alles was ein wenig Wärme und Abwechslung und Komfort verspricht, das Selbstbewußtsein stärkt oder Fluchten aus dem Alltag organisiert, die preiswerten Vergnügen des kleinen Mannes zumal, sollen eingeschränkt, reglementiert, versteuert, wenn nicht gar verunmöglicht werden.

Es ist bestürzend und in seiner Systematik nahezu grotesk. Woher der Furor der Disziplinierung, die Lust an der Einschränkung ausgerechnet jetzt, in einer Zeit, von der man gewiß nicht sagen kann, daß sie an Überfluß und bedrohlich wachsendem Wohlstand leide…»

So beginnt ein Artikel der »Zeit« vom 22. März 2007, dem eine ganze Seite gewidmet wird. Der Autor Jens Jessen bringt die Sache auf den Punkt.

Zum vollständigen Artikel

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Die Freunde des Tabaks haben endlich einen Anwalt

Anders als die ubiquitäre Rhetorik der Deregulierung vermuten lässt, leben wir in einer Zeit der eskalierenden Verbote. Sie kommen aber nicht vom Staat, sondern von der Gesellschaft. Es ist, als wollte sie die neoliberale Enthemmung der Wirtschaft durch übertriebene Gängelung und Ordnung des Alltags kompensieren. In Hamburg wird derzeit ein Rauchverbot auf Kinderspielplätzen erwogen; angeblich weil die weggeworfenen Kippen in den Sandkästen so gefährlich seien. Aber gesetzt den Fall, dies wäre wirklich so – warum verbietet man dann nicht das Wegwerfen der Kippen, sondern gleich das Rauchen überhaupt?

Mit dieser Frage ist man im Zentrum des überaus scharfsinnigen Buches von Imre von der Heydt, das sich an einer Kulturgeschichte der Tabakverbote versucht. Die modernen Antiraucherkampagnen haben nämlich einen beachtlichen historischen Vorlauf, der darauf schließen lässt, dass im Kern der Verbote nicht Sorge um die Gesundheit, sondern ein Ressentiment steckt. Es ist das Ressentiment gegen jede Form von Ausschweifung, Untüchtigkeit und mangelnde Lebensplanung, mit anderen Worten, gegen die vormodernen und taugenichtshaften Verhaltensrelikte, die dem Effizienzgebot der bürgerlichen Erwerbsgesellschaft zuwiderlaufen.

Mit einer gewissen vergnügten Beharrlichkeit weist der Autor nach, wie all die bekannten Argumente der Gesundheitsnachteile, Todesraten, volkswirtschaftlichen Schäden auf Milchmädchenrechnungen, logischen Widersprüchen oder demagogischer Ausblendung konkurrierender Gefährdungen beruhen. Nennen wir nur den Autoverkehr. Mit Recht werden Unfallverursacher streng bestraft – aber wird deswegen das Auto verboten?

Als plausibler Kern bleibt von der Tabakfeindlichkeit nur der Verdacht gegen den Raucher, ein unzuverlässiger, querköpfiger, tendenziell asozialer Bürger, schlechter Untertan und aufsässiger Arbeitnehmer zu sein. Und in der Tat, der Raucher, wie ehrgeizig auch immer, geht niemals in irgendeiner Arbeit völlig auf – denn neben der Arbeit raucht er ja noch. Ein Stück von seinem Selbst entzieht er stets dem Staat, dem Arbeitgeber oder Ehepartner.

Man darf sich von dem apologetischen Titel (Rauchen Sie? – Verteidigung einer Leidenschaft) nicht in die Irre führen lassen. Der Autor dient nicht der Tabakindustrie, noch leugnet er das Ungesunde am Rauchen. Es handelt sich um eine klassische Diskursanalyse; aber aus dem Widerstreit der Argumente schält sich doch die philosophische Frage heraus, ob Gesundheit als letzter Wert behauptet werden kann, wenn die Frage nach dem Glück nicht gestellt wird, dem die Gesundheit dienen soll. Mit anderen Worten: Ob nicht am Ende die leidenschaftliche Vergeudung, die in jedem Zigarettenzug steckt, der Menschenwürde eher frommt als die ängstliche Erbsenzählerei einer Daseinsvorsorge, die gar nicht weiß, für welches Dasein sie eigentlich vorsorgt.

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Carolus Magnus

Freidenker, Rebell und Nonkonformist schreibt provokativ, konzis, unkonventionell und unmißverständlich über/gegen das grassierende, genußfeindliche, puritanische Weltbild in unserer Gesellschaft. Stilmittel: Satire, Provokation, Humor, Karikatur und knallharte Facts. Ein MultiMediaMagazin für Jeden.

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7 thoughts on “Tugend-Terror – Im Rausch des Verbietens

  1. Pingback: Pligg
  2. Z. Zt. haben «unsere» Politiker nur 2 Projekte:
    – verbieten verbieten verbieten (rauchen, spucken, draussen trinken, Ausgangs- und Rayonverbot ohne was getan zu haben ……………………………………….)
    – SVP-Bashing

    Wann beginnen sie wieder mal zu arbeiten, ihren Job zu machen?

    Inzwischen muss ich feststellen dass ich mich verschätzt habe.
    Ich dachte nach uns Rauchern kämen die Fetten (sorry horizontal Herausgeforderten) dran.
    Irrtum, jetzt sind die Jugendlichen die Bösen.

  3. Das ist reine Taktik. Wenn man alles, was Spaß macht, zuerst den Jugendlichen verbietet, kann man es bald danach auch den Erwachsenen verbieten mit dem Hinweis, wir hätten gute Vorbilder für die Jugend zu sein. Strategisch sehr ausgefeilt.

  4. Meine grosse Enttäuschung von letzter Woche war, das meine ganze Familie (35 bis 73 Jahre alt) findet, 15 Jährige …. am Abend nix zu suchen haben ……
    Auf die Frage, wo ihre Grenze sei bez. Verboten bekam ich keine Antwort.
    Nach dem Motto: ich bin vom Verbot xy nicht betroffen, also interessiert es mich nicht.

    Es gibt noch viele so gagoide Personen, die nicht sehen (wollen) dass sie in verschiedenen Bereichen zur Minderheit gehören und dadurch Opfer irgendeines Verbotes werden können.
    «Wehrt den Anfängen» sehen leider wenige ein.

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