Folgen einer Fehldiagnose

Ärzte mit ausschließlichem Universitätswissen, statt selbst erarbeiteter Erkenntnisse, produzieren

Falsche Diagnose

Mein Leben als Toter

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Brandrick mit dem Anzug, in dem er begraben werden wollte

Die Ärzte diagnostizierten Krebs, sagten John Brandrick, er solle jeden Tag so leben, als ob es sein letzter wäre. Nun ist er gesund, aber vollkommen pleite. Und fordert Schadensersatz.

Als John Brandrick im Royal Cornwall Hospital erfuhr, daß er nur noch sechs Monate zu leben habe, weinten er und seine Partnerin vier Tage und vier Nächte lang. «Meine Sally und ich waren so unendlich traurig», sagt der 62-Jährige. «Aber am fünften Tag zwang ich sie, zur Arbeit zu gehen.» Dann schritt der Todgeweihte zur Tat. Er bat seinen Versicherungsagenten zu sich nach Hause und ließ ausrechnen, was seine Hinterbliebenen erben würden. Wieder allein, stieg er ins Schlafzimmer im ersten Stock seines Reihenhauses in Newquay, dem beschaulichen Ferienort an der südenglischen Küste. Er packte den Inhalt seines Kleiderschrankes in elf große Müllbeutel, ließ nur das Nötigste übrig. Und die Montur, in der man ihn in seinen Sarg legen sollte: Schwarzer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte sowie die neuen schwarzen Schuhe. «Ich flennte dabei wie ein Hund, aber ich wollte meiner Sally alles Unangenehme aus dem Weg räumen», sagt Brandrick. Die Kleider brachte er als Spende zur Krebshilfe. Nun fuhr er zum Notar. Er bedachte seinen Sohn Andrew im Testament mit monatlichen Zahlungen für fünf Jahre Studium, Partnerin Sally mit lebenslangem Wohnrecht in seinem Haus.

Die eigene Beerdigung terminierte er auf einen Freitag, 14 Uhr. Auch entfernte Freunde sollten streßfrei anreisen können. «Ich verfügte, daß nur fröhliche Musik gespielt werden sollte.» Inzwischen sind über zwei Jahre vergangen, seit die Ärzte unheilbaren Bauchspeicheldrüsenkrebs attestierten. Aber Brandrick lebt immer noch. «Ich bin gesund. Doch ich bin vollkommen pleite», sagt er. «Die Ärzte haben mein Leben auf den Kopf gestellt und mich durch die Hölle geschickt. Ihretwegen habe ich meine Arbeit verloren und all meine Ersparnisse. Die sagten ja, ich solle jeden Tag so leben, als ob es der letzte wäre.»

Beim Kratzen schoß Blut aus der Haut

Es hatte mit Juckreiz begonnen, am ganzen Körper. Bald tat ihm jeder Muskel weh. «Ich wurde gelb wie eine Banane, wenn ich mich nur kratzte, schoß das Blut aus der Haut», sagt Brandrick. Nach Ultraschall, Kernspintomografie und Bluttests war die Diagnose eindeutig. Bösartiger Tumor, sieben Zentimeter groß und inoperabel, weil er so nah an der Leber liege: «Der Patient hat eine Lebenserwartung von sechs, maximal zwölf Monaten.» Brandrick sagt: «Ich dachte mir, nun gehe ich in die Vollen.» An Weltreisen, dicken Autos oder Abenteuern mit teuren Mädchen hatte er kein Interesse. Er liebt seine Sally und die Landschaft in Cornwall. Weite Strände, wuchtige Brandung, gute Luft. «Ich hatte mir vorgenommen, die ganze Küste abzuwandern, solange ich noch kann», sagt er und war einverstanden, als ihm die Stadtverwaltung wegen der Krankheit die Stelle als Fahrer kündigte. Auch der Arzt riet dazu: Streß im Job beschleunige nur das Wachstum des Tumors, dem nicht einmal mehr mit Chemotherapie beizukommen sei.

Abends führte Bandrick seine Sally in Restaurants aus, in die er sich vorher mit seinem Jahresgehalt von 13 000 Pfund (circa 19 000 Euro) nie getraut hätte. Sie gingen in Padstow in das hochdekorierte Restaurant von Rick Stein, in die Nobelrestaurants der Luxushotels «Headland» oder «Atlantic». «Wir aßen Austern oder Muscheln als Vorspeise, nach dem Hauptgang immer ein Dessert.» Guter Wein war selbstverständlich. Um flüssig zu sein, zahlte er keine Raten mehr für sein Haus, verkaufte sogar seinen Suzuki Swift für umgerechnet rund 440 Euro. «Meine Devise war: Ich hau jeden Penny raus.» Er lud Freunde ein, die Familie. «Wir tranken, lachten und hatten eine gute Zeit.» Nur ein Thema war in diesen Runden tabu: seine Krankheit. Nachts, wenn er und Sally allein waren, weinten sie oft. «Es war ja nie sicher, ob ich am nächsten Tag wieder aufwachte», sagt Brandrick. «Ich hatte das Todesurteil. Und das konnte jederzeit vollstreckt werden.»

«Mir ist kein Penny geblieben»

Daß sich seine Beschwerden legten, irritierte die Ärzte, die er monatlich konsultierte, nicht. Auch als eine Gewebeprobe ohne Befund war, kamen ihnen keine Zweifel. Sie waren sicher, bei der Entnahme der Probe sei ein Fehler unterlaufen. Als Brandrick im vergangenen August erfuhr, daß er statt Krebs nur an einer entzündeten Bauchspeicheldrüse und Gelbsucht gelitten habe, war die Freude groß. Aber da fehlte ihm schon das Geld, dies gebührend zu feiern. «Mir ist kein Penny geblieben, kein Job, nur Schulden.» Brandricks Forderung auf Schadensersatz ignoriert die Klinik bislang erfolgreich mit dem Hinweis, damals sei keine andere Diagnose möglich gewesen.

Nun lebt er von 400 Pfund, also 585 Euro, Krankengeld und ernährt sich wieder von Eintopf. Aber Mahnungen bringen ihn nicht mehr aus der Ruhe. «Das Todesurteil hat mich stark gemacht. Ich zahle, wenn ich flüssig bin.» Das will er durch den Verkauf seines Hauses werden und sich dann endlich wieder dem Genuß hingeben. «Das Leben», sagt er, «ist zu kurz, um sich immer Sorgen zu machen. Ganz gleich ob todkrank oder kerngesund.»

Von Joachim Rienhardt

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