Die Bremsspuren-Krankheit

Der Rattenfänger von Zürich

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Es gab mal eine Stadt, die hieß Allopathien. In dieser Stadt wohnten viele Leute und es gab viele Straßen und Autos. Aus Budget-Gründen gab es aber nirgends Rotlichter oder Stoppschilder in ganz Allopathien.

So überraschte es nicht, daß Verkehrsunfälle an der Tagesordnung waren. Die Autos stießen täglich an fast jeder Kreuzung zusammen. Aber die Geschäfte der Autowerkstätten und Spitäler liefen auf Hochtouren. Sie waren die vorherrschenden Wirtschaftzweige von Allopathien.

Mit der Bevölkerungszunahme stiegen auch die Unfälle an den Kreuzungen auf alarmierende Höchststände. In ihrer Not heuerte die Stadtverwaltung einen Arzt der Motoren Ersatzteile Division (med.) an um eine Lösung zu finden.
Dr. med. Gutzwiller verbrachte mehrere Tage um den Verkehr zu untersuchen. Er trug einen ganzen Koffer mit technischen Utensilien mit sich wie Mikroskope, chemische Analysemittel, Laborzubehör und begann sorgfältig seine Untersuchung. Die Einwohner von Allopathien schauten ihm mit großen Augen zu während Dr. med. Gutzwiller seine Hilfsmittel auspackte und jeden Unfall minutiös analysierte, notierte und dokumentierte. Dann warteten die Einwohner gespannt auf den Schlußbericht des Herrn Dr. med. Gutzwiller.

Nachdem eine Woche um war, bat Dr. med. Gutzwiller die Einwohner ins Rathaus um das Resultat seiner Untersuchung zu veröffentlichen. Dort, vor allen Leuten, präsentierte er mittels Folien und Statistiken seine Resultate: „Autounfälle werden durch die Bremsspuren verursacht.“

Dr. med. Gutzwiller erklärte, er hätte herausgefunden, daß in fast hundert Prozent der untersuchten Fälle eine Korrelation zwischen Verkehrsunfällen an Kreuzungen und Bremsspuren bestehe. „Wo immer zwei Autos aufeinander prallten“, erklärte er, „fanden wir Bremsspuren.“

Die Stadt hätte die „Bremsspurenkrankheit“, erklärte der Fachmann, und die Antwort auf die städtische Epidemie von Verkehrsunfällen sei „nichts anderes, als daß man die Bremsspurenkrankheit bekämpfen muß, indem man alle Straßen bremsspurendicht macht,“ rief Dr. med. Gutzwiller den Stadtbewohnern zu, was diese mit frenetischem Applaus quittierten.

Die Stadt bezahlte Dr. med. Gutzwillers Honorar und fragte ihn anschließend, welche Methode er denn vorschlagen würde, um der Bremsspurenkrankheit Herr zu werden. Dr. med. Gutzwiller war kürzlich auf Hawaii in Urlaub, der von einer chemischen Firma bezahlt wurde, die Straßenzeutik herstellte, Spezialchemie, um Straßen für genau diesen Zweck zu behandeln. Er empfahl also den Stadtvätern einen speziellen Straßenbelag: Teflon.

„Mit Teflon können wir diese Bremsspurenkrankheit am besten behandeln“, erklärte Dr. med. Gutzwiller. „Die Straßen werden dann bremsspurendicht und alle Verkehrsunfälle werden aufhören!“

Die Stadtverwaltung war begeistert und vollends mit Dr. med. Gutzwiller einig. Sie legten sofort eine öffentliche Anleihe zur Zeichnung auf, um genügend Geld für genügend Teflon aufzubringen, damit alle Straßen der Stadt mit Teflon überzogen werden können. Innert weniger Wochen waren die Straßen komplett beschichtet und alle Bremsspuren waren verschwunden.

Aber nichts war gut in Allopathien. Verkehrsunfälle vervierfachten sich. Spitalbetten waren überfüllt mit stationären Unfallpatienten. Das Autowerkstattgeschäft boomte dermaßen, daß die Ratsmitglieder entweder eine eigene Autowerkstatt eröffneten oder in eine solche investierten. Woche für Woche wurden immer mehr Allopathen verletzt und ihre Autos mehrfach beschädigt, bevor sie auf dem riesigen Schrotthügel vor der Stadt entsorgt werden mußten. Wahnwitzige Summen Geld flossen in die Taschen der Autowerkstätten, Spitäler, Abschleppdienste und Verkäufern von Autoersatzteilen.

Den Finanzberatern der Stadt ist die Steigerung der wirtschaftlichen Aktivität natürlich nicht entgangen und sie erklärten, daß Allopathien boomen würde. Die Wirtschaft sei gesünder denn je und Allopathien könne sich auf eine prosperierende Zukunft freuen!

Da waren Stellen frei bei Autowerkstätten. Dort wurden Krankenpfleger und Schwestern im Spital gesucht. „Stelle frei!“ Aushängeschilder schossen wie Pilze aus dem Boden über die ganze Stadt – bei den Krankenwagenstationen, den Abschleppdiensten und den Windschutzscheibenhändlern. Die Arbeitslosenrate fiel auf fast null.

Aber die Verkehrsunfälle stiegen weiter, obwohl keine Bremsspuren mehr zu sehen waren.

Die Stadtverwaltung war ganz baff. Sie dachten, sie hätte das Problem gelöst, wurde doch die Bremsspurenkrankheit mit der Teflon-Behandlung ausgerottet. Warum gab es dann noch immer Verkehrsunfälle?

Es wurde eine Stadtversammlung einberufen um das Problem zu diskutieren. Nach einem kurzen Abriß des Problems ergriff ein alter Eremit, der außerhalb in den Wäldern von Allopathien lebte, das Wort und sprach:

So was wie eine Bremsspurenkrankheit gibt es nicht. Die Bremsspurenkrankheit wurde eigens für die Straßenzeutikal-Firma erfunden, um euch die Teflon-Beschichtung zu verkaufen.“

Die Einwohner waren schockiert von seiner Aussage. Sie wußten, daß die Bremsspurenkrankheit existierte. Der Arzt selbst hat es ihnen so gesagt. Wie konnte dieser Einsiedler, der keinen Motor Ersatzteil Devision med.-Abschluß hatte, sich getrauen, ihnen das Gegenteil zu erzählen. Wie konnte er nur die kollektive Stadtweisheit derart in Frage stellen?

„Das Problem ist einfach zu lösen“, fuhr der Eremit fort. „Alles was wir brauchen sind Stoppschilder und Rotlichtampeln. Dann werden die Verkehrsunfälle zurückgehen.“

Sofort meinte einer der Stadtväter: „Aber woher sollen wir das Geld nehmen um Stoppschilder aufzustellen? Wir haben doch alles Geld für die Teflon-Behandlung ausgegeben!“ Die Einwohner waren derselben Meinung. Sie hatten kein Geld um Stoppschilder zu kaufen.

Ein anderes Ratsmitglied fügte hinzu: „Und wie sollen wir überhaupt stoppen können? Die Straßen sind voll von Teflon. Falls wir Stoppschilder aufstellen, wäre alles Geld, das wir für Teflon ausgegeben haben, zum Fenster rausgeworfenes Geld.“

Die Einwohner waren wiederum derselben Meinung. Was für einen Sinn würde das machen, wenn wir unsere Autos doch nicht stoppen können.

Der Eremit antwortete: „Die Stoppschilder würden die Belagserneuerungen mit Teflon überflüssig machen, womit Geld dafür wieder frei würde. Somit könnten die Autos in wenigen Tagen auch wieder anhalten und die Zahl der Verkehrsunfälle nähme ab. Die Lösung ist so einfach.“

Was aber würde passieren, falls Stoppschilder tatsächlich funktionieren würden, wunderten sich die Einwohner. Wie würde es die boomende Wirtschaft von Allopathien beeinflussen? Ein knurriger alter Mann realisierte die Konsequenzen als erstes, sprang auf und rief: „Falls wir diese Stoppschilder aufstellen, und die Verkehrsunfälle gehen tatsächlich zurück, dann müßte ich die meisten meiner Angestellten feuern!“

Das war der Moment, wo alle begriffen, daß ihre Jobs gefährdet waren. Falls die Stoppschilder tatsächlich aufgestellt würden, wäre fast jeder arbeitslos.

Sie alle hatten Jobs in Notfalldiensten, Autowerkzeugläden, Spitälern und im Teflonbeschichtungsunterhalt der Straßen. Einige waren Vertreter der Straßenzeutikal Firma, andere wiederum waren Importeure von Windschutzglas, Fahrzeugrädern, Stahl und Auto-Ersatzteilen. Einige wenige Clevere machten ein Vermögen mit Rollstühlen und Krücken für die Unfallopfer. Alle in Allopathien waren irgendwie wirtschaftlich an die Bremsspurenkrankheit gebunden.

Aus Angst ihre ökonomische Prosperität zu verlieren, stimmten die Einwohner für eine neue öffentliche Sicherheits-Agentur: das ‚Bündnis Allgemeiner Gegenverkehr‘ (BAG). Dieses BAG wäre verantwortlich für die Zulassung oder Nichtzulassung sämtlicher Straßenschilder, Technologie und chemischen Belägen, die Stadtstraßen betreffend.

Der Verwaltungsrat wurde zusammengesetzt aus den Geschäftsführern der Gemeinschaft: den Besitzern von Autohäusern, von autonomen Ambulanzfirmen, Spitalmanagern und natürlich, Dr. med. Gutzwiller von der Motor Ersatzteil Division (med).

Schon kurz nach der Konstituierung des BAG erklärte dieses, daß die Bremspurenkrankheit tatsächlich existiere und zwar sehr real. Die Krankheit sei gut dokumentiert und von vielen Studien gestützt. Man verwies auch auf den kürzlich erschienenen Artikel in der städtischen Bremsspurenkrankheitszeitung und verkündete: „Da bisher noch keine Studien für die Effizienz von Stoppschildern gegen Verkehrsunfälle vorliegen, sind in Allopathien Stoppschilder verboten und jede Person, die versucht Stoppschilder in Umlauf zu bringen wird angeklagt und in den Stadtkerker gesperrt.“

Das freute die Einwohner von Allopathien. Mit dem BAG waren sie sich ihrer Jobs sicher. Sie konnten sich weiterer ökonomischer Prosperität erfreuen und ihre Jobs waren sicher im Wissen, daß das BAG jeden Versuch, dies zu ändern, scharf ahnden würde. Sie hatten zwar noch immer viele Verkehrsunfälle, aber ihre Jobs waren gesichert.

Und so ging das Leben in Allopathien weiter. Für eine kurze Zeit zumindest. Mit der weiteren, katastrophalen Zunahme von Verkehrsunfällen wurden mehr und mehr Einwohner von Allopathien verletzt oder getötet. Viele blieben aufgrund ihrer Verletzungen ein Leben lang erwerbsunfähig ans Bett gefesselt.

Mit der Zeit schrumpfte die Einwohnerzahl. Das einstmals so boomende Allopathien verkam fast zu einer Geisterstadt. Die Spitäler mußten ihre Tore schließen, das BAG wurde aufgelöst und das Erscheinen der Bremsspurenkrankheitszeitung wurde eingestellt.

Keiner war mehr gesund oder gar glücklich oder lebte lang. Die meisten verloren ihre ganze Familie aufgrund der Bremsspurenkrankheit.

Und der Eremit? Er lebte weiterhin am Rande von Allopathien, am Ende eines steilen Landweges, wo er ein einfaches, autoloses, straßenloses, teflonbelagloses und BAG-loses Leben führte.
Er überlebte jeden einzelnen Einwohner von Allopathien. Seine Zeit verbrachte er im hauseigenen Garten, pflanzte an und erntete, machte lange Spaziergänge im Wald, sammelte Wurzeln und Pilze, Blätter und Beeren um sich zu ernähren. In seiner Freizeit malt und produziert er Stoppschilder und wartet geduldig auf die nächste Generation, hoffend, daß diese auf einen Eremit mit einer verrückten Idee hören mögen.

Und die angeblich verrückte Idee ist, daß nur gesunder Menschenverstand und zensurfreie Aufklärung die Antwort auf den Hype um den Passivrauch-Hoax ist, nicht staatliche Gesetze zur Behandlung von künstlich geschaffenen Symptomen!

Nocebo

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Was ist: Allopathie

Die allopathische Methode versucht, mit solchen Arzneien zu heilen, die etwas völlig anderes, unterschiedliches als das am Patienten Beobachtete bewirken. Mit dieser Bezeichnung kritisierte Hahnemann den aus seiner Sicht konzeptlosen Umgang der damaligen Schulmedizin mit oft mehreren vermischten Substanzen, die in ihrer Wirkung nicht auf das Symptombild des Patienten ausgerichtet waren. Ihre Wirkung sah Hahnemann im Hervorbringen zusätzlicher, künstlicher „Arznei-Krankheiten“, die zur ursprünglichen Krankheit hinzutreten und diese verkomplizieren.

11 thoughts on “Die Bremsspuren-Krankheit

  1. Besten Dank für die Blumen!

    Ach, ich glaube einige von ihnen wissen schon, was Ironie ist und verstehen diesen Text sehr gut, wenn man mal von den dort statistisch gehäuft auftretenden Hauptschulabgänger absieht. Sie kommen aber eher ungerne auf diese Seite *gg*, da sie sonst mit Wahrheiten konfrontiert würden, die ihren Horizont übersteigen und sich notgedrungen wieder mit der Realität konfrontiert sähen. Das wäre natürlich schmerzhaft für sie, wodurch sie zu Verdrängung und daraus resultierend zu den bekannten Neurosen, Phobien oder gar Psychosen neigen. 🙂

  2. Ausgezeichneter Artikel ! Gefällt mir sehr gut. Aber der Arzt hat sich trotzdem geirrt. Und der Eremit auch.
    Schuld an den Unfällen sind die Autos. Die gehören absolut, rigoros und sofort verboten. Keine Autos = keine Unfälle.
    Es könnten aber natürlich auch die Straßen schuld sein. Auch die sollte man vorsichtshalber mal verbieten.
    Niemals aber können die Bremsspuren schuld sein. Eher schon die Reifen. (die braucht man aber nicht verbieten, weil ja Autos verboten werden.)
    Überhaupt gehört sowieso alles verboten. Dann kann nix mehr passieren.
    Außer vielleicht, dass man sich zu Tode langweilt. Aber per Gerichtsbeschluss kann man das sicher auch verbieten.

  3. Langeweile wird bestimmt nicht aufkommen. Man kann sich an den Ergüssen von Thomas Zeltner und anderer Verbotshysteriker amüsieren und unterhalten.

  4. Pingback: Eidgenössische Volksabstimmung ‘Schutz vor Passivrauchen’

  5. Köstlichst komisch, obschon es einen eigentlich zum Himmel schreien lassen sollte. Aber irgendwie müssen wir ja die uns umgebende Idiokratie überleben, was schwer werden könnte, wenn man 24/7 durchschreien muss…

    Grinse also jedenfalls noch immer…

    Erinnert mich auch irgendwie etwas an den gestrigen schwarzen Sonntag

  6. Pingback: Sackstark! | E-Zigarette: Unsinnige Forderung von Langzeitstudien

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