Eine lucernensische Weihnachtsgeschichte

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Luzern an Weihnachten

Zur Zeit des stattfindenden Massenmords an den Erstgeborenen durch den römischen, und geistig umnachteten, Statthalter zu Bethlehem flüchtete die Heilige Familie nach Ägypten. So steht es geschrieben. Bisher nicht bekannt war der Umstand, daß sie nahe einer Pyramide plötzlich in eine Zeitschlaufe geriet und einige Stunden in der bitter kalten Schweiz verbringen mußte.

Die Schweiz findet in Luzern statt, und als sie ankamen, ertönte ein Hupkonzert seitens gestreßter Automobilisten, die im Kreisverkehr vergeblich nach einem freien Parkplatz suchten und den Esel als nervendes Hindernis betrachteten. In der Folge fielen die drei, in Lumpen gekleidet und mit nur einem Esel, inmitten der Festbeleuchtung, auch den Passanten auf. Die einen hielten sie für Zigeuner aus Rumänien, andre für Bettler aus Bulgarien, was sie reflexartig ihre Handys zücken ließ, den Pistolen unserer modernen Zivilgesellschaft, um nach der Polizei zu rufen. Andere waren überzeugt, es handle sich um die Vorhut eines sich ankündigenden Zirkus, wieder andre hielten sie für Mitglieder einer originellen Gasttheatergruppe aus dem Osten. Einige Zyniker waren der Ansicht, dies sei bloß ein rühriger Werbegag der Caritas und die wenigen Einkaufstouristen aus Zürich hielten Josef für Pfarrer Sieber. Noch bevor die Polizei anrückte, war ein kamerabewehrtes Team der Luzerner City-Vereinigung zur Stelle und zielte ihre Spot-Lichter unverfroren auf das Paar Maria und Joseph, das sich verwirrt filmen ließ, während irgendwo im Hintergrund das hungrige Jesus-Kind, umringt von einer Schar furchterregender Matronen, nach seiner Mutter schrie. Die Werber waren hellauf begeistert. Mit solch pittoresker Szenen malerischer Authentizität bringe man auch den letzten Einkaufsmuffel in Weihnachtsstimmung. So schossen Photographen pausenlos mit blendenden Blitzlichtern quecksilbergasfrei aus allen Rohren während Kameramänner aus sämtlichen möglichen und unmöglichen Winkeln filmten, was das Material und die Beweglichkeit hergab.

Inzwischen versammelten sich immer mehr Neugierige um die Heilige Familie, und bald wähnte man sich im Gedränge an jene zur Fastnachtszeit, die erst zwei Monate später stattfinden sollte. Kinder wollten den Esel streicheln, reiten oder umarmen, Mütter das verängstigte Jesuskind in den Armen wiegen während der Rest gespannt darauf wartete, daß Maria etwas Orientalisches zu singen begann oder gar einen Bauchtanz aufführte.

Das herannahende Blaulicht der Polizeifahrzeuge sorgte für einen psychedelischen Lichteffekt inmitten der Tausenden, in den Straßenschluchten Luzerns herabhängenden Energiesparlampen mit ihren eh schon unnatürlichen Spektralfarben, als hätte man Lysergsäurediätylamid eingeworfen, und viele beteten zu Gott, es mögen keine herunterfallen, platzen und Quecksilberdampf in ihre passivtabakrauchfreien Lungen verströmen.

Als die Polizei sich mühsam einen Weg durch die Menge gebahnt hatte und, verspätet durch den dort allabendlich vorherrschenden Verkehrsinfarkt, beim öffentlichen Ärgernis eintraf, stellte die helle Truppe fest, daß weder Maria, noch Josef einen Paß, eine Identitätskarte, einen F-, N-, L-, B- oder C-Ausweis zur Aufenthaltsbewilligung auf sich trugen. Von einer CityCard ganz zu schweigen. Zudem konnten sie weder einen Nachweis einer gewerbepolizeilichen Erlaubnis zum Umherführen des Esels, noch den Esel-Führerschein, der in Luzern kurz auf den Hundeführerschein folgte, vorweisen. Das nackte Kind, an dessen Haaren und Füssen noch Strohhalme hafteten, machte einen verwahrlosten Eindruck, was die Ordnungshüter veranlaßte, sofort die Vormundschaftsbehörde zu verständigen, um sich unverzüglich auf der Polizeidienststelle «Obergrund 1» einzufinden. Die Hüter der Luzerner Gesetze ließen einen der entfernt abgestellten, noch immer blaulichtblinkenden Einsatzwagen kommen und setzten an, die asoziale Brut, wie einer sie nannte, mit Handschellen abzuführen. [1] [2] [3]

Das war just der Moment, als die Heilige Familie, durch wundersame Fügung, aus der Zeitschlaufe fiel und sich in ihre Zeit zurückversetzt sah. Sonst wäre sie entweder in einem Auffanglager für Flüchtlinge oder als nervtötende Werbeunterbrechung zwischen den weihnachtlichen Schnulzern des Schweizer Fernsehens gelandet.

Wir wünschen unseren Lesern eine Frohe Weihnachtszeit, und alles Gute im Neuen Jahr!

On the other side of the pond, Christmas is somewhat different this year: Watch out, «The NSA is coming to town»

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