Basel: Annemarie Pfeifer (EVP) scheint überfordert (1)

Offener Brief an

Frau Annemarie Pfeifer,

Grossrätin, EVP Basel

anläßlich ihrer Interpellation 33

Sehr geehrte Frau Pfeifer,

Im Baslerstab vom 30. April 2008 werden Sie unter dem Titel „Feinstaub in Restaurants“ im Zusammenhang mit Ihrer Interpellation Nr. 331 zitiert.

Insbesondere der Ton Ihrer Intervention im Baslerstab (und die persönliche Angriffe gegenüber Herrn Conti, den ich allerdings nicht kenne), haben mein Interesse geweckt. Einige Ihrer Argumente (Zitate kursiv) sollen nachfolgend auf ihre Stichhaltigkeit geprüft werden:

3300 tote Nichtraucher

In Deutschland tötet der blaue Qualm jährlich 3300 Nichtraucher.

Sie beziehen sich dabei auf die Publikation des WHO-Kollaborationszentrums, Heidelberg, die genau 3301 Todesopfer ausgemacht haben will. Nun handelt es sich dabei aber nicht um Fakten, sondern um Hochrechnungen aus epidemiologischen Studien, die aber selbst bei jahrzehntelang mit Rauchern zusammenlebenden Nichtrauchern kein statistisch signifikant erhöhtes Risiko feststellen konnten. Zu diesem Schluß kommt u. a. die größte europäische Studie2 der WHO/IARC von 1992 bis 1998.

Auch Prof. Grieshaber von der deutschen Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten (BGN) hat die Zahl von 3301 in Frage3 gestellt.

Weitere Studien – Ähnliche Ergebnisse:

  • Wu-Williams, et al., große Studie aus China kommt zu einem statistisch signifikanten negativen Risiko (Schutzfunktion!) im Zusammenhang mit Passivrauch.
  • Enstrom, Kabat, Die Ergebnisse zeigen keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Passivrauch und der Sterblichkeit, auch wenn ein unbedeutender Effekt nicht ausgeschlossen werden kann.
  • Brownson 1992…kein erhöhtes Lungenkrebsrisiko im Zusammenhang mit Passivrauchen am Arbeitsplatz festgestellt.
  • Janerich 1990 …ein OR von 0.91, was bedeutet, daß Passivrauch am Arbeitsplatz keinen schädlichen Einfluß hat.
  • Kalandidi …der Zusammenhang mit Passivrauch am Arbeitsplatz war klein und statistisch nicht signifikant.
  • Shimuzu, 1988 …es wurde kein Zusammenhang zwischen Lungenkrebsrisiko und Rauchen des Lebenspartners oder am Arbeitsplatz beobachtet.
  • Stockwell, 1992 …keine statistisch signifikante Erhöhung des Risikos im Zusammenhang mit Passivrauchen am Arbeitsplatz oder in sozialen Aktivitäten
  • Zaridze, 1998 kein Zusammenhang zwischen Passivrauchbelastung am Arbeitsplatz und Lungenkrebs
  • WHO/IARC Kein Zusammenhang zwischen Passivrauchexposition aus anderen Quellen (soziale Aktivitäten) und Lungenkrebs.

Wie soll da der gelegentliche Besuch einer Gaststätte noch ins Gewicht fallen?

Feinstaub im Restaurant

Feinstaub

In verqualmten Restaurants haben Messungen dieser gefährlichen Partikel eine durchschnittliche Menge von mehr als 200 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft ergeben.

Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat bei Messungen in Schulen4 PM10-Konzentrationen von bis zu 313 Mikrogramm/m3 gemessen. Wo sich Menschen bewegen, wird Staub aufgewirbelt. Es ist illusorisch zu glauben, es gäbe eine Welt ohne Staub und Feinstaub, es sei denn, man lebe in einer Retorte. Das gemütliche Beisammensein vor dem Kamin müßte man dann ebenso verbieten wie Kerzen und Barbecues.

Beim Kochen5 entstehen leicht PM10-Konzentrationen von bis über 3000 Mikrogramm/m3 . In Gaststätten ist es hauptsächlich das Küchenpersonal, das solchen Konzentrationen ausgesetzt ist. Kochdämpfe sind in ihrer Zusammensetzung weitgehend vergleichbar mit Zigarettenrauch, sie entstehen grundsätzlich bei der Erhitzung organischer Stoffe. Ein Blick auf die Luftmessdaten6 von Basel zeigt übrigens, daß um Basel herum der Außenluftgrenzwert regelmäßig überschritten wird.

Grenzwerte für Schadstoffe

Sie stellen die Frage, weshalb in Innenräumen (eigentlich „an Arbeitsplätzen“) andere Grenzwerte gelten als für die Außenluft. Die Antwort dazu ist leicht in der Dokumentation der SUVA7 zu finden: Der Grenzwert für PM10 von 20 Mikrogramm/m3 als Jahresmittelwert respektive 50 Mikrogramm/m3 als Spitzenwert hat vor allem die besonders empfindlichen Personen zu schützen, nämlich Kleinkinder, Personen über 65 Jahre sowie Personen mit Erkrankungen der Atemwege. Die Arbeitsplatzgrenzwerte beziehen sich auf gesunde Arbeitnehmende. Besonders empfindliche Menschen werden sich kaum freiwillig längere Zeit dort aufhalten, wo sie leiden, und der Besuch einer Gaststätte ist bisher immer noch freiwillig.

Der SUVA-Grenzwert für inhalierbare Stäube (PM10) beträgt 10‘000 Mikrogramm/m3 im Schichtmittelwert, ist also 500-mal höher als die von Ihnen erwähnten Werte. Dieselben Grenzwerte gelten auch in anderen europäischen Ländern und den USA. Ein Vergleich8 der wichtigsten Bestandteile des Zigarettenrauchs mit Arbeitsplatzgrenzwerten zeigt, daß in vorschriftgemäß entlüfteten Räumen keine Grenzwerte überschritten werden9.

Die deutsche Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten verfügt über umfangreiches statistisches Material10 zu Krankheits- und Todesfällen bei Angestellten des Gastgewerbes. Daraus ergibt sich, daß Servierpersonal (das ja oft Passivrauch ausgesetzt ist) weder häufiger an Herzkreislauf- noch an Krebserkrankungen leidet.

Belüftungstechnik

Wie wir ihrer Interpellation entnehmen können, können selbst stärkste Ventilatoren niemals für unbelastete Luft sorgen.

Der deutsche TÜV hat Belüftungseinrichtungen geprüft und bescheinigt, daß in Gaststätten mit der geeigneten Technik zur Luftfilterung11 die Luftbelastung trotz Rauchens deutlich geringer ist als selbst in Gaststätten, in denen nicht geraucht wird. Wie erklären Sie sich, daß man mit „Ventilatoren“ in Straßentunnels, Großküchen, Werkstätten, U-Booten (ja, die britische Marine hat auf ihren U-Booten Raucherräume eingerichtet) und Chemielabors die Schadstoffe auf ein akzeptables Maß reduzieren kann, nicht aber den Rauch von einigen Gramm Pflanzenblättern in einer Gaststätte?

Herzinfarkte in Italien

Erstaunlich waren die Folgen eines Rauchverbots in Italien. Nach dessen Einführung [2005] sank die Anzahl von Herzinfarkten um 11% laut einer Römer Studie.

Sehr geehrte Frau Pfeifer, Sie haben mit Sicherheit die Studie12 nicht gelesen. Ein Rückgang wurde nämlich nur bei Männern unter 60 Jahren festgestellt, insgesamt nahm die Anzahl der Herzinfarkte mit dem Rauchverbot um 2.1% zu. Bei Männern unter 60 Jahren nahm die Herzinfarktrate von 2001 bis nach dem Rauchverbot 2005 sogar um 2.5% zu. Und dies trotz einer kontinuierlichen Abnahme der Raucherraten seit dem Jahr 2000, wie die Autoren der Studie anmerken.

Das von Ihnen so gern zitierte WHO-Kollaborationszentrum (das mit den 3301 Toten) stellt fest daß 86% der „passivrauchbedingten“ Neuerkrankungen an koronarer Herzkrankheit im Alter von über 55 auftreten (64% über 65). Die Studie aus Italien hat also drei Viertel aller Herzinfarktfälle unter den Tisch gekehrt, um ein zweckdienliches Resultat zeigen zu können.

Manchmal entpuppt sich eine bequeme Unwahrheit bei genauerem Hinsehen als unbequeme Wahrheit. Nur muß man genauer hinsehen wollen!

Und es gibt übrigens noch mehr solcher Studien13, die allesamt keiner wissenschaftlichen Betrachtung standhalten: Helena, Pueblo, Bowling Green, Saskatoon, Schottland, Irland, Frankreich.

Ethik in der Politik

Man müßte eigentlich annehmen, daß Politiker einer gewissen Ethik verpflichtet sind und sich demzufolge sachlich und kritisch statt emotional und polemisch mit einem Thema auseinandersetzen, um nach ausgewogenen Lösungen zu suchen, die allen ihren Wählern (und der gesamten Bevölkerung) gerecht werden.

Aber Sie haben es klar und deutlich gesagt, Frau Pfeifer: Sie wollen eine Abstimmung, wohl wissend, daß die Raucher und die Gastwirte – selbst gemeinsam – rein rechnerisch – absolut keine Chance haben, auch nur einen Kompromiß zu erreichen. Dies obwohl sich die Basler Gastwirtschaft bisher äußerst kooperativ und verständnisvoll für die Anliegen beider Seiten gezeigt hat.

Es ist bezeichnend, daß Sie das Basler Modell als „einen Kniefall vor der Tabakindustrie“ bezeichnen und dabei die Bedürfnisse und Wünsche eines großen Teils der Bevölkerung (und vermutlich auch Ihrer Wähler), nämlich die Raucher und die Gastwirte, als quantité négligeable völlig ignorieren. Als ob sie gar nicht existierten.

Es ist bequem einen so geduldigen Sündenbock wie die Tabakindustrie zu haben, dem man immer wieder eins überziehen kann, wenn es dienlich ist. Haben Sie Beweise für eine direkte oder indirekte Einflußnahme der Tabakindustrie? Bei Philip Morris14 jedenfalls klingt das anders. Vielleicht sollten Sie sich auch einmal darüber informieren, mit welchen Mitteln Anti-Tabakorganisationen15 arbeiten. Umfassendere Information und distanzierte Ausgewogenheit würden Ihrer Politik zu mehr Glaubwürdigkeit verhelfen.

Sie versuchen, mit wissenschaftlich unhaltbaren, populistischen Argumenten kräftig das Feuer zu schüren und Angst zu verbreiten. Daß dabei die Sachlichkeit auf der Strecke bleibt, nehmen Sie bewußt in Kauf. Ihre persönlichen Befindlichkeiten sind Ihnen wichtiger, der Zweck heiligt die Mittel. Das ist unethisch, Frau Pfeifer, und ein Mißbrauch Ihres politischen Mandats.

Die Größe einer Demokratie zeigt sich auch darin, daß sie allen Bürgern angemessene Rechte und Freiräume zugesteht, nicht nur einer Mehrheit. In unserer Verfassung gibt es dafür die Begriffe der Verhältnismäßigkeit und der persönlichen Entfaltung.

Bernd Palmer, Dipl.-Ing. ETH, CH-1295 Mies

Parlamentarische Vorstösse

der Gesundheits-Taliban Annemarie Pfeifer

Quellen & Referenzen

1 http://www.grosserrat.bs.ch/suche/geschaefte/details/?idurl=08.5141

2http://www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/query.fcgi?cmd=Retrieve&db=

PubMed&list_uids=9776409&dopt=Abstract

3 http://praevention.portal.bgn.de/webcom/show_download_tabelle.php/_c-8804/i.html

4 http://www.lgl.bayern.de/gesundheit/umweltmedizin/doc/luft_ergebnisse.pdf

5 http://www.arb.ca.gov/research/indoor/cooking/3-ARB-Section3Rev3.PDF

6 http://blso.innetag.ch/pages/72houroverview.aspx und

http://blso.innetag.ch/pages/standardreport.aspx

7 http://www.google.com/url?sa=t&ct=res&cd=1&url=http%3A%2F%2Fwww.suva.ch

%2Ffactsheet_partikulaere_luftverunreinigung_-_feinstaub.pdf&ei=IncnSPagB6Lm-QK7i6SsDA&usg=AFQjCNHd5nB38bEgXzq1YhSEsK9CEFT_

hQ&sig2=BYNu_dMjLV0PZsjrOH0xYA

8 http://www.netzwerk-rauchen.de/documents/Gastronomie_keine_Giftkueche_5.pdf

9 http://www.passiv-rauchen.de/Gefahrstofftabelle.htm

10 http://praevention.portal.bgn.de/webcom/show_article.php/_c-8777/_nr-1/_cmt-

7eb52b0cadb1cbd81788ba4fd038d2ea/i.html

11 http://www.netzwerk-rauchen.de/modules.php?name=News&file=

categories&op=newindex&catid=28

12 http://www.netzwerk-rauchen.de/modules.php?name=News&file=article&sid=156

13 http://tobaccoanalysis.blogspot.com/2008/02/new-study-concludes-that-italian.html

14 http://www.philipmorrisinternational.com/CH_deu/pages/deu/smoking/

Secondhand_smoke.asp

15 http://www.tobaccocontrolintegrity.com/

Was sagt Wikipedia zum Enfluß der Medien zur freien Meinungsbildung

(Achtung: Wikipedia ist nicht gesinnungsneutral)

7 thoughts on “Basel: Annemarie Pfeifer (EVP) scheint überfordert (1)

  1. Wie gehabt.
    Wieer jemand mehr, der/die nur sybolische Politik macht.
    Unsere Politiker scheinen eingesehen zu haben, dass sie im Zeitalter der Globalisierung keine Gestaltungsmacht mehr haben.
    So haben sie sich auf das verbieten aller möglichen Verhaltensweisen beschränkt.
    Stromsparlampen versus Glühbirnen scheint wichtiger zu sein als Arbeitslosigkeit, Armut..
    (sind Stromsparlampen inkl. Produktion und Entsorgung wirklich umweltfeundlicher)
    Interessante Artikel gibt es bei Zeit online
    http://www.zeit.de/themen/index

    besonders über die Verbotsmanie
    http://www.zeit.de/2007/13/Verbotsmanie

    Zum Thema Rauchen gibt es dutzende Artikel. Z. Bsp.
    http://www.zeit.de/online/2005/51/passivrauchen

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