Management by Consulting

Das Ruderboot-Rennen

Ein chinesisches Unternehmen und ein europäisches Unternehmen entschlossen sich dazu, ein Ruderboot-Rennen der beiden firmeneigenen Teams zu organisieren. Beide Teams übten lange und hart, um ihre bestmögliche Performance zu erreichen.

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Am Tag der Entscheidung gewannen die Chinesen mit einem Kilometer Vorsprung. Die Europäer, die sehr enttäuscht waren, entschieden sich dazu, nach dem Grund für diese Niederlage zu suchen. Ein Management-Team wurde damit beauftragt, den Grund zu finden und passende Verbesserungsvorschläge zu entwickeln. Die Schlussfolgerung war: Die Chinesen hatten acht Leute, die ruderten, und einen, der steuerte, während die Europäer acht Leute, die steuerten, und einen, der ruderte, hatten.

Deshalb beauftragte das europäische Management einen Consultant, und bezahlte eine große Summe für eine zweite Meinung. Auch dieser Consultant meinte, dass zu viele Leute steuerten, während nicht genug Leute ruderten.

Um eine weitere Niederlage zu verhindern, wurde die Management-Struktur des Ruder-Teams komplett reorganisiert; es gab vier steering supervisors (steering = steuern), drei area steering superintendants und einen stellvertrendenden area steering superintendant.

Es wurde auch ein neues Performance-Mess-System eingeführt, das der Person, die ruderte, einen größeren Anreiz gab, alles zu geben. Das wurde «Ruder-Team Quality First»-Programm genannt, und dieses Programm bestand aus Meetings, gemeinsamen Abendessen und kostenlosen Kugelschreibern für den Ruderer.

Es wurde auch darüber diskutiert, ob neue Paddel, ein ganz neues Ruderboot, zusätzliche Übungstage und einen Bonusplan angeschafft bzw. eingeführt werden sollten.

Im nächsten Jahr gewannen die Chinesen mit zwei Kilometern Vorsprung.

Das gedemütigte Management entließ den Ruderer wegen schlechter Performance, es stoppte die Entwicklung eines neuen Ruderbootes, verkaufte die Paddel, und beendete die Investitionen in neues Material. Das Geld, das dadurch gespart wurde, wurde an das Topp-Management als Bonus ausbezahlt, und im nächsten Jahr wurde das europäische Ruderboot-Team nach Indien outgesourced.

Natürlich ist das nur eine frei erfundene Geschichte: Denn selbst ernannte Top-Manager, die sich selbst hohe Bonuszahlungen zugestehen und gleichzeitig Arbeitsplätze abbauen (obwohl die Mitarbeiter ihr Bestes geben und eigentlich auch ohne diese sehr produktiv arbeiten könnten) und die eigenen Fehlentscheidungen mit wohlklingendem „Denglish“ beschönigen – die gibt es in Europa natürlich gar nicht. Oder doch?

[Michael Vaupel]

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