Es wird kalt draussen und das Kneipensterben beginnt

 

Interview mit zwei Lokalbesitzern nach der Raucherdemonstration auf dem Römerberg in Hessen

__________________________________________

 

«Ayurvedische Teestube oder literarisches Wasserhäuschen?»

 

Die demonstrierenden Kneipenraucher verstehen sich als Retter der Demokratie. Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?

Christa Brill: Das ist vielleicht ein wenig unglücklich formuliert. Aber auf einem Flugblatt ist auch nicht viel Platz. Aber natürlich geht es um die Wahrung von Freiheitsrechten gegenüber dem Staat.

Seit dem 1. Oktober herrscht Rauchverbot. Wie macht sich das in eurer Kneipe bemerkbar?

Andreas Kramer: Vor allem seit letztem Montag ist ein enormer Rückgang zu beobachten. Was wohl vor allem an dem Kälteeinbruch lag. Wer will schon in die Kälte raus, um dann in die Kneipe reinzugehen, die man für jede Zigarette wieder verlassen muss?

Lässt sich der Rückgang beziffern?

Andreas Kramer: Etwa 60 bis 70 Prozent. Die wenigen Gäste, die kamen, haben sich ziemlich verändert. Ich möchte nicht von esoterischen Nordend-Grünen reden, die drei Stunden lang bei einem stillen Wasser verharren und bei Speisen nach Tapas oder anderem internationalen Massenfraß verlangen. Ich tu’s aber doch. Immerhin ist der Konsum von Grünem Tee stark gestiegen.

Wenn das so bleibt: Wie lange könnt ihr so weitermachen?

Andreas Kramer: Sechs Wochen, vielleicht zwei Monate – maximal.

Gibt es auch positive Reaktionen seitens der Gäste?

Christa Brill: Noch nicht.

Wie könntet ihr euch eine sinnvolle Lösung beim Nichtraucherschutz vorstellen?

Christa Brill: Selbstbestimmung. Aber da man gesehen hat, dass der freie Markt keine Nichtraucher-Kneipen hervorgebracht hat, gibt es ja auch Steuerungsmöglichkeiten. Man könnte Nichtraucher-Restaurants günstiger besteuern. Oder Raucherkneipen für Konzessionen teuer bezahlen lassen.

Ist das Nichtraucherschutzgesetz in euren Augen eher ein Raucherbelästigungsgesetz?

Christa Brill: Es ist auch ein Nichtraucherbelästigungsgesetz. Wir hatten Stammgäste, zwei Pärchen, davon zwei starke Raucher, eine Gelegenheitsraucherin und eine Nichtraucherin. Die war zuletzt ziemlich grantig, weil sie so oft allein am Tisch saß.

In anderen Ländern gibt es das Rauchverbot schon länger – und es wird immer wieder von Wirten berichtet, die ein Plus gemacht haben.

Andreas Kramer: Da muss man sich die Statistiken genau anschauen. Was sind denn das für Kneipen, die ein Plus machen sollen? Die kleinen Pinten bestimmt nicht. Klar, McDonalds dürfte keine Probleme haben. Wo wir beim Thema sind: Was ist denn das für ein Scheißdreck, wenn die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der hessischen Grünen, Kordula Schulz-Asche, die Systemgastronomie als vorbildlich hinstellt, weil da nicht geraucht werden darf? Die verkaufen den ungesündesten Mist. Das ist doch Wahnsinn!

Droht denn den kleinen Pinten wirklich das Aus?

Christa Brill: Kurzfristig wird es ein Kneipensterben geben, mittelfristig etwas, was man wohl Marktbereinigung nennt – und langfristig werden die Umsätze dann vielleicht auch wieder steigen. Wenn ich einen dümmlich-retrospektiven Blick haben möchte, dann könnte ich auch sagen, dass die Bombardierung der Städte und die Zerschlagung der Wirtschaft im Zweiten Weltkrieg eine wunderbare Basis für einen selten erlebten Aufschwung war. Natürlich wäre das idiotisch. Zudem gibt es derzeit auch noch keinen Marshall-Plan für die Gastronomie.

Andreas Kramer: Aber so eine Art Morgenthau-Plan.

Wenn die Lage wirklich so dramatisch ist – was sollte sich bitte binnen so kurzer Zeit ändern, das helfen könnte?

Andreas Kramer: Es wird wahrscheinlich einige kuriose Versuche von Wirten geben, das Verbot zu umgehen. Hier geht es schließlich um die Existenz, und ich denke, jeder hat das Recht, seine Existenz so gut es geht zu verteidigen. Natürlich sind das Tricks und Finten, die auf Dauer nicht viel bringen werden – außer vielleicht mehr Zeit.

Und wenn am Ende alles nichts hilft und die Lage sich nicht verbessert?

Andreas Kramer: Dann wird es das Speise- und Lesungslokal Klabunt nicht mehr geben. Dann müssen wir überlegen, wie wir weitermachen. Vielleicht mit einer ayurvedischen Teestube. Oder einem literarischen Wasserhäuschen. Da kann man wenigstens noch rauchen.

Copyright © FR-online.de 2007


One thought on “Es wird kalt draussen und das Kneipensterben beginnt

  1. Wenn die Rauchverbote erstmal gegriffen haben, dann wird es keine Kneipe im früheren/heutigen Stil mehr geben. Die verbauten abgetrennten Gross-Lokalitäten sind weniger einladend und unpraktisch für Raucher. Die einst gemütlichen Eckkneipen sind im angepeilten Markt noch unpraktischer, ja deplatziert. Entweder werden sie Klein- Kantinen, NR-Bistros oder Ähnliches oder machen dicht. – Das ist politisch so gewollt.

    Die Wirte protestieren nun mindestens 1 Jahr zu spät und zu uneins.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.