Es hat zwar nach Zigaretten gestunken…

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Frankfurter Buchmesse
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Wo liegt eigentlich Katalonien? Und wer war nochmal Doris Lessing? Egal. Das größte Thema der Frankfurter Buchmesse ist sowieso ein anderes:

Rauchen

Man hört so einiges. Dass nachts Katja Kesslers Handtasche geklaut wurde, zum Beispiel, oder dass Monika Maron zwar in Frankfurt ist, aber nicht zur Messe kommt. Und damit ist man auch schon beim Wesentlichen: Im Hessenland ist Rauchverbot, und zwar überall. Und wer jetzt denkt: „Na und? Ist doch schön, frische Luft“ – der war noch nie auf der Frankfurter Buchmesse. Literatur und Qualm gehören einfach zusammen. Immer schon. Weil zitternde Autorenhände wenigstens eine Zigarette zum Festhalten brauchen. Weil gestenreiches Schwadronieren mit Kippe zwischen den Fingern viel besser aussieht. Weil – na ja, weil das eben schon immer so war: Auf der Buchmesse wird so viel geraucht, wie nirgendwo sonst. Woran so ein Verbot natürlich nichts ändert.

Und so sind es auch nicht die streikenden Lokführer, die in Frankfurt für Staus und ärger sorgen, sondern die rauchenden Literaten. In den vergangenen Jahren ging man nach Messeschluss in den Frankfurter Hof. Dieses Jahr geht man nach Messeschluss vor den Frankfurter Hof. Steht. Trinkt. Raucht. Und weil schon auf dem Schulhof klar war, dass man in der Raucherecke die cooleren Leute findet, stehen auch die Nichtraucher draußen. Und rauchen aus Solidarität einfach mit.

Drinnen sieht es traurig aus. Keine lasziv hingegossenen Jungautorinnen im Plüsch, kein verheißungsvoller Nebel über der Autorenbar. Wer auf dieser Messe was erleben will, muss raus. Unter den Heizpilz. Dort riecht der Qualm nach Revolte. Volksentscheide werden gefordert. Aufbegehren sollte man, schnell, bevor es zu spät ist und auch die letzten freien Bundesländer in die repressiven Fänge der Gesundheitsfaschisten und Wellness-Fanatiker geraten. Parteigründungen werden in Erwägung gezogen, oder gleich der Regierungssturz. Niemand will ewig leben, erst recht kein Schriftsteller. Da wird die Vergänglichkeit gepriesen und die Freiheit. Mit ängstlich geweiteten Augen berichten Autoren von Lesungen, die sie ohne Zigarette durchstehen mussten. Und Heldensagen gibt es auch schon: Katja Lange-Müller, das böse Schaf, hat trotzdem geraucht, bei ihrer Lesung. Und Nina Petri auch. So.

Beim Fest von Randomhouse und Bertelsmann gab es, immerhin, einen Raucherraum. Verborgen wie zur Prohibition, mit Schummerlicht und dicken Vorhängen. „Zum Glück, das Alte Europa“, seufzt eine Amerikanerin, bevor sie sich mit einem beherzten „I need to be drunk“ dem sündigen Nikotin hingibt.

Und auf den privaten Empfängen, wo jeder so viel rauchen darf, wie er will, erläutert auch endlich mal ein naserümpfender Nichtraucher, warum vorher alles besser war: „Es hat zwar nach Zigaretten gestunken. Aber jetzt weiß ich, dass das ein Vorteil war.“

Von Andrea Ritter, Frankfurt/Main im stern

 

 

 

 

 

2 thoughts on “Es hat zwar nach Zigaretten gestunken…

  1. Eitle Gecken also, die man in Birgit Küblers Entwöhnungskurs schicken muss, dann hat man nichtrauchende Autoren und Schluss ist. Es könnte so einfach sein.

    Auf die Idee, dass die Autoren dann eben keine Bücher mehr schreiben, kommt die Reporterin natürlich nicht. Dass der Tabak ein interessanteres und kreativeres Leben nicht nur verspricht, sondern dieses Versprechen auch noch hält, das kann und darf nach der jetzigen Rechtsprechung einfach nicht sein.

    Die amerikanische Literatur hat der Nichtraucherwahn schon dahingerafft: früher hatten die USA gewissermaßen ein Hirn, dem man beim Denken zusehen konnte und die Hirnzellen waren die Literaten. Sie konnten erklären, was in dieser Gesellschaft vor sich ging, die anderen immer um Jahre voraus war. Die gewaltigen Veränderungen nach dem 9.11. wären da eigentlich eine Steilvorlage für Autoren, aber nichts tut sich mehr, wenigstens nichts was auch nur die Oberfläche ein wenig kräuselt. Amerika rottet einfach umkommentiert vor sich hin und es ist alles wieder so langweilig und hässlich wie im Mittelalter. Gesundheit geht vor, auch wenn man auf deren Besserung vergeblich wartet. Hauptsache rauchfrei, aufkommende Trostlosigkeit muss in Kauf genommen werden.

    Tja, werte Autoren, wie wärs mit einem Beitritt im Netzwerk Rauchen? Man will doch wenigstens sagen können, dass man sich gegen die Auslöschung des eigenen Berufsstandes gewehrt hat, nicht?

    Gruß Meinrad

  2. Es ist sicherlich nicht in Ordnung alles, was von Raucherseite hier gesagt wird, ins Lächerliche zu ziehen, andererseits werden Dinge in die Welt gesetzt – wie z.B. „Rauchen macht kreativ“, „Rauchen macht nicht süchtig“, „Rauchen zieht keinerlei gesundheitliche Folgen nach sich“, „Passivrauchen…“ blablabla – die jeden Menschen mit einigermaßen „Körpergefühl“ und Verstand wirklich nur den Kopf schütteln lassen und durchaus manchmal Zweifel am Geisteszustand der Verfasser aufkommen lassen.

    Ich habe am eigenen Leib erlebt wie das Rauchen den Körper verändert, soll ich da tatsächlich so einen Mist glauben? Das sowas Spott hervorruft ist doch wohl völlig klar, wobei, wenn man mal objektiv drüberschaut, genausoviele hämische Kommentare von Rauchern in Richtung Nichtraucher in diesem Blog stehen. Aber da kommen wir eben auf den wichtigsten Punkt:

    Das, was hier so abgelassen wird, spiegelt absolut nicht das wider, was in der Realität passiert. In Blogs wie diesem, dem „Netzwerk“, „Pro Rauchfrei“ oder wie die sonst noch alle heißen, treffen die Hardliner beider Seiten aufeinander und beharken sich.

    Ich habe nach wie vor kein persönliches Problem mit Rauchern und will auch keinem das Rauchen abgewöhnen. Das ist etwas, was mir der eine oder andere von den „Verwirrten“ hier unterstellt hat.

    Der Begriff „Antiraucher“ gehörte, bis ich mich (seit einigen Monaten) mit diesem Thema beschäftigte , überhaupt nicht zu meinem Wortschatz. Diese Extreme, wie ich sie hier, und in einem anderen Forum, dem dieses ominösen Netzwerks Rauchen, das mich weit mehr erschreckt, kennengelernt habe, kannte ich vorher nicht.

    Das alles sind für mich Erfahrungen, die sicherlich meine Einstellung verändert haben, die mich Raucher kritischer beobachten lassen und die mich wesentlich interessierter die Entwicklung verfolgen lassen.

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