Schutz vor Musiker-Lärm

Wie schützt man Musiker vor zu lauter Musik?

Neue EU-Richtlinie muss bis Februar 2008 umgesetzt sein

Musiker sind im Orchestergraben oft gesundheitsschädigender Lautstärke ausgesetzt. Die Europäische Union hat daher ihren Mitgliedstaaten vorgegeben, dass sie Orchestermusiker besser schützen müssen. Der Durchschnittswert über einen bestimmten Zeitraum darf nur 87 Dezibel betragen. So will es die neue Richtlinie 2003/10/EG für alle Berufe, also auch für Musiker.

»Es wird nicht einfach, das umzusetzen«, sagt Dr. Georg Brockt. Der Physiker arbeitet derzeit bei der Dortmunder Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin an einer deutschen Verordnung. »Selbst wenn man laut singt, ist man sofort beim Grenzwert angelangt”, sagt Brockt. “Wagner-Opern können bis zu 110 Dezibel erreichen.«

Zum Vergleich: Ein vorbeifahrender Lastwagen erreicht 85 Dezibel. Eine Erhöhung des Dezibel-Wertes um zehn Punkte bedeutet bereits eine Verdopplung der wahrgenommenen Lautstärke. Die Behörde hat zwar noch ausreichend Zeit für die Umsetzung der Richtlinie. Bis Februar 2008 muß sie eine Lösung gefunden haben.

Doch die Aufgabe, Musiker vor dem Klangvolumen ihrer eigenen Instrumente zu schützen, ist schwierig. So weigern sich vor allem Bläser häufig, einen Gehörschutz zu tragen, weil Oboen und Klarinetten dann nicht mehr sauber klingen. »Knochenschall« nennt Brockt das Phänomen, das jeder kennt, der schon einmal mit Stöpseln im Ohr geredet hat. Weil der Schall sich auch im Kopf ausbreitet, klingt die eigene Stimme verzerrt.

Eine sieht Gerald Mertens voraus. Er ist als Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung an Gesprächen zur Umsetzung der Richtlinie beteiligt. Mertens fürchtet außerdem: »Gratwanderung zwischen Gesundheitsschutz und künstlerischer Entfaltung«»Im sozialen Dialog wird es zu Friktionen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern kommen.«

Der Grund: Die EU gibt nicht vor, ob die Reduzierung der Lautstärke am Gebäude oder am Individuum ansetzen soll. Die Arbeitgeber fürchten nun hohe Kosten für den Umbau lauter Orchestergräben oder die Anschaffung teurer Schallschutzsysteme. Die Musiker andererseits wollen nicht allein für den Schutz ihres Gehörs verantwortlich sein.

ärzte Zeitung, 04.11.2003

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