Der Rausch (Teil 1)

Der Rausch – eine grundlegende Erfahrung

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Als tabakabhängige „Nichtraucherin“ wünsche ich mir neue fantasievolle Dareichungsmethoden und nicht nur diese langweiligen Zigaretten. Auch Kindern sollte die Vielfalt an Zugangsmöglichkeiten zu Drogen aufgezeigt werden.

„Es ist meine Überzeugung, daß der Wunsch nach Bewusstseinsveränderung von Zeit zu Zeit ein angeborenes, normales Verlangen ist, so wie der Hunger oder das sexuelles Verlangen auch. Es sei jedoch zu beachten, dass ich nicht sage, ‚der Wunsch, das Bewusstsein mit chemischen Mitten zu verändern‘. Drogen sind nur ein Mittel, dieses Verlangen zu befriedigen; es gibt viele andere, und ich werde sie zu gegebener Zeit besprechen. Ein angeborenes Verlangen dieser Art als gegeben vorauszusetzen, ist keine Behauptung, die bewiesen oder widerlegt werden soll, sondern einfach eine Vorstellung, die zu erproben ist, um zu sehen, ob sie zur Klärung des Verständnisses unserer Beobachtungen taugt. Die Vorstellung, die ich anbiete, stimmt mit zu beobachtenden Tatsachen überein. Die Allgegenwart des Phänomens spricht insbesondere dafür, daß es nicht sozial oder kulturell bedingt ist, sondern daß wir es mit einem biologischen Merkmal der Spezies zu tun haben. Darüber hinaus tritt das Verlangen nach Perioden außergewöhnlichen Bewusstseins schon in so frühem Alter zutage, daß es nicht viel mit sozialer Konditionierung zu tun haben kann. Jeder, der sehr kleine Kinder ohne ihr Wissen beobachtet, wird sie regelmäßig Techniken praktizieren sehen, die auffallende Veränderungen des geistigen Zustandes hervorrufen. Bei Drei- bis Vierjährigen ist es zum Beispiel üblich, sich so lange zu drehen, bis sie schwindlig benommen werden. Sie hyperventilieren und lassen sich von anderen Kindern um die Brust fassen und so lange drücken, bis sie beinahe ohnmächtig werden. Sie würgen sich auch, um eine Ohnmacht zu erreichen.
Meines Wissens treten diese Praktiken unter Kindern aller Gesellschaften spontan auf, und ich nehme an, daß das auch zu allen Zeiten so gewesen ist. Es ist interessant, daß Kinder schnell lernen, diese Art von Spielen außerhalb des Gesichtskreises von Erwachsenen zu treiben, weil diese instinktiv versuchen, sie davon abzuhalten. Der Anblick eines Kindes, das bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt wird, erschreckt die Eltern, aber dem Kind scheint es Spaß zu machen.“

(Andrew Weil – «Drogen und höheres Bewusstsein»)

Auch wenn ich nicht mit allen Punkten, die Andrew Weil hier nennt übereinstimme, und auch nicht unbedingt von angeborenen Bedürfnissen ausgehen würde, weist dieser Textauszug doch hin auf die grundlegende Bedeutung von bewusstseinsverändernden Zuständen als Mittel, um über sich selbst und die eigene Wahrnehmung mehr zu erfahren.

Uns allen sind wohl entsprechende Erfahrungen und Vergnügungen bekannt. Ich selbst habe als Kind zum Beispiel eine Weile mit großem Vergnügen Zugausweichen gespielt. Dabei wartet man an den Gleisen bis ein Zug kommt, um dann möglichst kurz vor der Lokomotive über das Gleis zu rennen. Eine Bekannte meinte, als ich ihr davon erzählte, nur; „Adrenalinjunkie.“ Alle Menschen kennen dies, dass Aufregung auch als angenehm empfunden wird. Wozu sonst gehen wir als Kinder in die Geisterbahn oder schauen uns als Erwachsene Horror- und Actionfilme an. Andere Kinder schnüffeln Klebstoff oder rauchen Bananenschalen. All dies ist ein Stück kindlich-jugendlichen Alltags.

Das heißt nicht, dass ich diese Dinge hier nun weiterempfehlen will. Im Gegenteil: ein Umgang mit Rauschzuständen durch Erwachsene, der etwas weniger zwanghaft, tabuisierend und verdrängend wäre, würde vielleicht auch Kindern und Jugendlichen einen klareren Eindruck möglicher unerwünschter Folgen vermitteln. D. h. gerade durch die Enttabuisierung von Rauschmitteln könnten bestimmte unkalkulierbare Risiken vermieden werden. Ich persönlich würde es z.B. vorziehen, wenn meine Kinder als Jugendliche statt Zugausweichen zu spielen lieber mal eine rauchen würden.

Dabei scheint Tabak im Gegensatz zum Alkohol auf den ersten Blick keine Wirkung auf unsere Wahrnehmung in diesem Sinn zu haben. Dies stimmt aber nicht. Nikotin hat durchaus erhebliche Einflüsse auf unser Nervensystem. Rauch kann je nach Inhalationsart sowohl entspannend wie auch anregend sein. Die verschiedenen Stoffe im Rauch haben eine ganze Reihe von Wirkungen, die vor allem bei der ersten Zigarette überdeutlich werden. In gewissem Sinne ist Tabak damit eine bewusstseinsverändernde Droge im Kleinen ähnlich wie etwa Kaffee. Und Tabak ist damit durchaus zu den Rauschmitteln im obigen Sinn zu zählen. So erscheint nach der ersten Tasse Kaffee oder einer Zigarette häufig alles klarer und deutlicher und wir fühlen uns in einem angenehmen kleinen Hoch. Im Gegensatz zu Alkohol wird dadurch unsere Wahrnehmung aber nur geringfügig verändert. Das heißt Raucherinnen und Raucher sind weiterhin in der Lage den Anforderungen alltäglicher Normen zu genügen. Das Rauchen erweitert nur ihre Handlungsfähigkeit.

Mit der Betonung der Wirkungen des Tabaks befinde ich mich übrigens in Übereinstimmung mit den Ansichten eines Großteils der Antiraucherinnen und Antiraucher, die ja die Wirkungen des Tabak gar nicht genug betonen können. Nur das diese jegliche Bewusstseinsveränderung ablehnen und auf ein reduktionistisches, rein funktionales, Vernunftmenschenbild fixiert sind.

Ich halte dagegen Rausch für eine Möglichkeit. Jede Tabuisierung bewusstseinsverändernder Zustände und der Dinge und Stoffe, die sie erzeugen, für falsch. Im Gegenteil, wichtig wären gerade die eigenen Erfahrungen mit anderen zu teilen, auch mit den eigenen Kindern, Ohne dabei so zu tun, als wäre dies nun alles einfach schlecht. Das glaubt uns sowieso niemand angesichts der Alltagspraxis eines nicht gerade geringen Konsums der unterschiedlichsten Aufputsch- und Rauschmittel.

Wir sollten uns und unseren Kindern die freie Wahl ermöglichen. Jede und jeder sollte in die Lage versetzt werden, die für die eigenen Bedürfnisse passenden und nutzbringenden Praxen, Drogen und Rauschmittel zu finden. Und mit anderen darüber ohne Tabus zu reden. Viele negative Folgen ließen sich so frühzeitig vermeiden. Folgen, die häufig aus Unwissenheit, falschem Gebrauch und Heimlichkeit entstehen. Das Tabakrauchen ist dabei nur eine Praxis unter vielen.

Tabak wird heute sicher von vielen Jugendlichen nur deshalb gewählt weil andere Möglichkeiten und Rauschmittel aufgrund ihrer gesetzlichen Diskriminierung oder aufgrund mangelnder Information für sie gar nicht zur Verfügung stehen. Statt jede Form von Bewusstseinsveränderung zu tabuisieren, müssen wir endlich dazu kommen die weite Palette an Möglichkeiten anderer Erfahrungszustände sachlich darzulegen und unsere eigenen Erfahrungen weiterzuvermitteln. Auch unterschiedliche Formen des Tabakrauchens oder -kauens ließen sich dann vielleicht entsprechend individueller Bedürfnisse entwickeln. Insgesamt müssten endlich wieder Ideen und Mittel in die Wiederentdeckung alter und in die Entwicklung neuer bewusstseinsverändernder Techniken und Drogen fließen. Auch um gesundheitlich möglichst wenig schädliche Stoffe und Verfahren zu finden. Dies gilt auch für die Dareichungsform und Bearbeitung, z.B. des Tabaks.

Das Experimentieren mit verschiedenen Bewusstseinszuständen ist nicht nur für die psychologische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden wichtig. Auch für uns bedeutet der Rausch und die Veränderung des eigenen Bewusstseins eine Möglichkeit, Vorurteile zu überprüfen und uns immer wieder auch anders zu erfahren. Nicht nur für Kinder und Jugendliche ist die damit verbundene Möglichkeit der Bewusstseinserweiterung, der Bewusstwerdung von bisher Unbekanntem oder Verdrängtem, des sich Ausprobierens, eine sinnvolle Erweiterung der eigenen Erfahrungsmöglichkeiten. Der Rausch und die Veränderung von Bewusstseinszuständen ist ein wichtiges Mittel zur Erweiterung unserer Erkenntnisfähigkeit.

In vielen Fällen ist dies auch ein sinnvolles Mittel um Barrieren einer überschießenden Selbstdisziplin zumindest für den Moment überwinden zu können. Genauso wie Schlafen und Träumen ein wichtiger Teil des Lebens ist.

In Träumen setzen wir uns mit all dem auseinander, was an Erlebten in unser Unterbewusstsein eingesickert ist. All die kleinen Erlebnisse und Dinge, die uns den Tag über begegnet sind, werden hier, wie in einem Zerrspiegel, noch einmal reflektiert. Sie erscheinen in einem teilweise nur leicht verschobenen Licht, und gerade dadurch ermöglicht uns der Traum die Relativität unserer Art die Dinge zu betrachten, zu begreifen. Im Traum wissen wir schon lange, daß unsere dreidimensionale rechtwinklige Anschauung nur eine Möglichkeit ist die Welt anzuschauen, im Traum nehmen wir damit schon lange die Einsteinsche Allgemeine Relativitätstheorie vorweg, sehen krumme und verzerrte Räume. In Träumen spiegelt sich auch unser Unbewusstes, all die unterdrückten Wünsche, Phantasien und Möglichkeiten, aber auch Ängste, die der Disziplinierung des eigenen Handelns und Fühlens im Alltag zum Opfer fallen. Der Traum ist damit auch ein Zugang zu uns selbst. Der Genuss des Halbschlafes ist, wie der Rausch, deshalb keine Zeitverschwendung, sondern häufig Ausgangspunkt weiterführender Ideen und neuer Ansätze.

Bei vielen Fragen, sowohl alltäglichen, als auch solchen im Zusammenhang mit wissenschaftlicher oder literarischer Arbeit, ist die Lösung häufig nur durch eine Veränderung unserer Ausgangssicht zu finden. Die bewusste Auseinandersetzung mit unserem Unterbewussten und dem Unbewussten im Halbschlaf oder im Rausch kann hier ein wichtiger Anfang sein.

Auch die Zigarette, die uns den Abstand für eine andere Betrachtung ermöglicht, wirkt so im Kleinen. So kann uns die Praxis einer, wenn auch kleinen, Bewusstseinsveränderung, eine Basis zur Lösung komplizierter Probleme sein. Vorraussetzung ist natürlich, daß wir diese ersten Ansätze dann auch rational weiterentwickeln. Aber der erste Ansatz ist ja oft das Schwierigste.

Nicht umsonst wird gerade in kreativen Berufen relativ viel Tabak konsumiert. Und nicht umsonst ist der Tabak in der Literatur z.B. das Mittel der Wahl vieler Heldinnen und Helden, in Zeiten hoher intellektueller Anspannung. Die Literatur spiegelt hier ein Stück Alltagserfahrung der Nützlichkeit des Tabakkonsums wieder.

Sicher gäbe es auch andere Möglichkeiten, sich die notwendige Konzentration und eine alternative Sichtweise zu erschließen. Viele Techniken, z.B. meditative, sind aber mit vielfältigen Belastungen verbunden. Sie setzen häufig ein langes Training voraus und sind selbst wiederum in hohem Maße disziplinatorisch. Genau dies soll jedoch vermieden werden.

Und in einem Streitgespräch habe ich halt nicht die Lust mich erst einmal eine Stunde aufs Sofa zu legen und zu entspannen. Das gleiche gilt für den Fluss des Schreibens oder Denkens entlang eines Problems. Ich brauche hier die Ideen ohne erneute autoritäre Einschränkungen irgendwelcher Lehren und Meditationsvorgaben und ich brauche ein Stadium maximaler Konzentration, einen Zustand des Schwebens und des «Flows», um nicht den Faden zu verlieren.

Ich persönlich konsumiere in solchen Zeiten große Mengen Koffein und Schokolade. Dafür habe ich statt mit der Lunge auch eher mit dem Magen Probleme.

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[Fortsetzung folgt morgen, Sonntag]

Revised by Carolus Magnus

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