Nichtrauchende Raucherin (Vorwort)

 

Wochenend-Lektüre

Dies ist erst das Vorwort! Jedes Wochenende werde ich eine weitere Fortsetzung aus diversen Texten von Ada Frankiewicz hier veröffentlichen. Sie haben das Thema Genussfeindlichkeit, Sozialdarwinismus und Überwachungsstaat zum Inhalt. Es soll zum Denken und zum Diskutieren anregen – Kommentare sind willkommen, wenn nicht gar erwartet.

[Carolus Magnus]

 

Nur Schaufensterpuppen riechen nicht aus dem Mund

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Wieso löst Rauchen derartig überzogene Ängste bei vielen Menschen aus, die sich und andere alltäglich sehr viel größeren gesundheitlichen Gefahren aussetzen, z.B. durch Streß am Arbeitsplatz und überzogene Leistungsanforderungen?

Warum wird Rauchen derartig stigmatisiert?

Wie kommt eine „Nichtraucherin“ wie ich auf diese Fragestellung? Ich gebe zu, ich bin eine nichtrauchende Raucherin. Obwohl ich nicht rauche, bin ich scheinbar tabakabhängig, die vernünftigen, nichtrauchenden und rauchenden „NichtraucherInnen“ um mich herum beeindrucken mich nicht.

Kein vernünftiger Mensch wird wohl die Sinnhaftigkeit der Antirauchpolitik in Frage stellen, ich bin nicht vernünftig, ich bin zu rational um vernünftig zu sein. Also argumentiere ich rational gegen das Antirauchen. Und ich tue dies nur aus Lust, lasse mich also nicht von der Zigarettenindustrie bezahlen, das wäre mir zu vernünftig, eben nicht rational, so bin ich halt.

Das geht soweit, daß ich einen Zusammenhang zwischen Antirauchpropaganda, zunehmender Intoleranz und dem Gesundheits-Wahn, den zwanghaften Selbstdisziplinierungen und der Lust- und Leibfeindlichkeit, der Verbotskultur unserer Zeit, sehe. Ich finde es auch unsinnig mich über das Nichtrauchen als „Nichtraucherin“ zu definieren, schließlich stelle ich mich anderen auch nicht vor mit den Worten, ich wäre Nichtweltraumfahrerin, Nichttaucherin oder Nichtreiterin, obwohl das ganz witzig wäre. Aber ich glaube nicht das „NichtraucherInnen“ ihre Bezeichnung als absurden Witz empfinden.

Diese Schrift ist ein Plädoyer für Lust und Genuß, insbesondere auch dort, wo sie unvernünftig, ungesund, schmutzig und unsauber erscheinen. Ich halte das für rational. Freiheit existiert nur dort, wo ich auch unvernünftig sein darf, und nur dort existiert auch das Lachen und das Leben.

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Es gibt viele Texte gegen das Rauchen. Texte, die sicher alle sehr vernünftig und verantwortungsbewusst in den Interessen ihrer Verfasser sind, doch mir scheinen sie meist nur als weit verbreitete, einbetonierte Vorurteile unhinterfragt zu übernommen zu sein. So wird in diesen Texten das Rauchen meist mit einem, angesichts seiner, für Außenstehende und kritisch Denkende, realen Harmlosigkeit, rational unverständlichen Hass verfolgt. Aber wenn Raucherinnen und Raucher als „Abschaum“, als „Kindermörder“, als „Vergaser von Nichtraucher“, als „krank“ und als „allgemeine Gefahr“ dargestellt werden, kann dies ebenso wenig als rational, höchtstens als vernünftig (political correctness) bezeichnet werden. Das Vokabular der Ausgrenzung, mit dem früher die Aussätzigen, die Lepra- und Cholerakranken als menschlichen Abfall, als von Gott über die Klerikalität für ihre Sünden Gestrafte, bei Seite geschafft wurden und das im Hitler-Faschismus seine Wiederauferstehung erfuhr, ist für Raucherinnen und Raucher nach vernünftigen normalen Kriterien vielleicht angemessen. Ich kann das nicht beurteilen, da ich weder vernünftig, noch normal bin und auch gar kein Bedürfnis habe, dies je zu werden.

Und wenn sich die, in Antirauch-Texten dargestellten Geschichten von Raucherinnen und Rauchern, die zu Rauchen aufgehört haben, lesen wie Erlösungsgeschichten aus Broschüren christlicher Kirchen und Sekten, habe ich trotzdem keine Lust zu glauben. Ich will es wissen und ich weiss es. Ungläubig wie ich bin habe ich auch keine Angst vor der Hölle. Mir ist nicht zu helfen, also nehmt bitte von missionarischem Eifer Abstand. Ich will auch gar keine Hilfe. Für mich zeichnen sich diese Texte durch die Vorspiegelung einer verlogenen Sachlichkeit und Irrationalität aus, wobei sie gleichzeitig hinter dieser Maske ihrer, jeglichen Genuss und alles Überflüssige verachtenden, Vernunft freien Lauf lassen. Ich frage mich, woher kommt dieser Hass? Wieso verfolgen hier Gesundheitsapostel, nicht selten mit dem Segen des Staates und der Medizinalkaste, Raucherinnen und Raucher derart zwanghaft?

Ginge es nur um das Rauchen, ließen sich bei ein wenig beiderseitigem guten Willen schnell Lösungen finden, denke ich dann, und betrachte dabei Raucherinnen und Raucher als gleichwertige Menschen – so bin ich nun mal.

Und dann geht meine Phantasie mit mir durch. So scheint es mir auf einmal offensichtlich, daß es hier um etwas ganz anderes, als nur um das Rauchen geht. Meine Gedanken fangen an, sich zu verselbständigen.

Die Diskussion um das Rauchen ist nur das Mittel zum Zweck, um ganz andere politischen Intentionen zu transportieren. Es geht um unser Menschenbild, um unser Verständnis von Lebenslust, Freiheit und Genuss, von Arbeit und Faulheit. Das Rauchen wird bekämpft, weil es eine Form von selbstverschwenderischem, unökonomischem Genuss ist, weil sich Raucherinnen und Raucher in ihrem Genuss den Effizienzkriterien einer, auf optimaler Verwertung der menschlichen Arbeitskraft basierenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung genussvoll entziehen, weil sie ihre Gesundheit verausgaben für sich selbst – und diese einfach in die Luft blasen. Zwanghafte Menschen muss das zum Verzweifeln bringen.

In einer Gesellschaft wie der unsrigen, einer Ge- und Verbotskultur, in der wir uns zunehmend selbst in einen Hochsicherheitstrakt einsperren, jegliche Gefahr zu vermeiden, statt die Leichtigkeit des Seins zu suchen, und damit auch das Leben und die Lust aussperren, muss das Rauchen denen als massive Provokation erscheinen. Jede unkontrollierte Befriedigung oraler und anderer Lüste wird zunehmend stigmatisiert; bloss das Ausleben analer Fixiertheit wird gefördert. Das Rauchen stört auch die Reinlichkeits- und Disziplinarempfindungen unserer körperfeindlichen Kultur. Der Hustenanfall, gelbe Zähne und je nach Prävalenz des Einzelnen riechender Atem ängstigen diejenigen, die sich selbst nur zu gerne als unvergängliche effiziente Körpermaschinen, täglich zwei Stunden nach der Werkarbeit gestählt aus dem Fitness-Studio kommend, vorstellen. Unwissend, dass nur Schaufensterpuppen nicht aus dem Mund riechen. Ich nehme an, Sie sehen welchen Lauf meine Gedanken nehmen. Und ich halte dies für rational.

Wenn Menschen lieber ein Magengeschwür in Kauf nehmen als in der Öffentlichkeit zu rülpsen, zeigt dies zweifelsohne ihre Kultiviertheit. Aber kulturlos wie ich bin, rülpse ich wenn mein Körper danach verlangt.

Mit diesem Buch will ich meine Ansichten allen zugänglich machen. Bin ich doch die einzige tabakabhängige „Nichtraucherin“, die ich kenne. Und ich bin noch immer unbelehrbar.

Auch wenn sie Entzugsgruppen und Theraphien für tabakabhängige „Nichtraucherinnen“ wie mich entwickeln wollen, wird daraus nichts. Ich nehme einfach nicht teil.

Lesen Sie diesen Text; oder lassen Sie es. Für AntiraucherInnen ist er zweifelsfrei eine Zumutung. Das ist beabsichtigt. Ich will die Diskussionen über das Rauchen rationaler, und das heißt unvernünftiger, gestalten, ich will die versteckten Motive und Mechanismen der AntiraucherInnen einfach mal aufzeigen und gängige raucherfeindliche Klischees und Vorurteile hinterfragen.

Ich danke all denen, die mich bei meiner Arbeit an diesem Manuskript mit Rat und Tat unterstützt haben, insbesondere Philipp für die Dursicht und Kritik des Manuskriptes.

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(Fortsetzung folgt nächsten Samstag)

Revised by Carolus Magnus

6 thoughts on “Nichtrauchende Raucherin (Vorwort)

  1. Da scheint jemand stinkewütend zu sein.
    Ich denke: zu Recht.
    Es ist ein Genuss, Ihren Text zu lesen.
    (Darf man nich geniessen, der werden sonst Ihre Texte bald öffentlich verbrannt?)

    Ich freue mich schon auf die Fortsetzungen

  2. Ja wirklich zu Recht.
    Leider sind die Raucher-Diskriminierugs-Massnahmen soweit in die Wege geleitet dass die Gesundheitsfanatiker seit Anfangs Jahr auf die „Fetten“ als böse der gesellschaft herumgehackt wird.
    Welche Minderheitg wird nach den Fetten drankommen?
    Bitte um Vorschläge und kurze Begründung 😉

  3. Nun, interessante Frage. Du vergisst, dass die Invaliden bereits drangekommen sind 😉

    Nachdem ich die letzte «Arena» auf SF1 gesehen habe, scheint mir einiges an Kosten als nächstes auf die Autofahrer zuzukommen. Die SP und der VCS wollen wohl am liebsten wieder die Pferdekutschen zurück, bloss um hernach Pferdeäpfelsteuern zu kassieren, analog der Hundesteuer. Oder wird gar bald eine Katzen- und Kaninchensteuer eingeführt? 😉

  4. Völlig richtig – aber nicht von mir zeitgemäss überarbeitet (viele Stunden) und mit Genehmigung von Ada Frankiewicz 😉

    Morgen kommt die «Einleitung» und übermorgen der erste Teil des Kapitels «Stigmatisierung der Raucher» – Ich glaube, es lohnt sich, die von mir revidierte Version zu lesen, mitsamt den Orthographie- und Satzstruktur-Korrekturen. Auch habe ich versucht, den Text verständlicher zu gestalten, ohne ihre Aussagen zu verfälschen.

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