Gesellschaftskrische Künstler – Wo sind sie geblieben?

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Shadu

Wo sind sie alle geblieben; Die Intellektuellen, die Ethiker, die Schriftsteller, Künstler, die Prominenten, die Philosophen und Freidenker? Schlafen sie? Haben sie Angst sich des Themas der Erziehungsdiktatur anzunehmen? Geht’s ums liebe Geld, Ansehen oder sind sie einfach chemisch ruhig gestellt? Ist es ihnen egal, wenn gehetzt, denunziert, überwacht und überall die persönliche Freiheit eingeschränkt wird? Oder sind sie gar alle gleichgeschaltet? Gibt es heute noch den sogenannt gesunden Menschenverstand, oder hat sich alles ins Gegenteil gekehrt? Leidet die Menschheit an einer Krankheit namens Syphilisation, welche schon so weit fortgeschritten ist, das sie selbst nicht mehr erkennt was der ganz normale Wahnsinn ist? Wie weit muß dieser Psychowahn noch gehen bis sie sich bewegen, sich äußern, endlich unbequem werden? Ich wundere mich sehr!

Carolus Magnus

Künstler geben sich heutzutage gerne abgehoben und apolitisch – dies im Gegensatz zu den 68er Jahren. Die Politik ist für sie anrüchig geworden und die Arrivierten halten sich nobel zurück, derweil die andern erst arrivieren möchten und Gesellschaftsthemen ausweichen. Gute Kunst entsteht oft erst aus Wut und/oder Empörung, aus Leid und Schmerz – doch heute pflegt man lieber eine Depression (Wut gegen sich selbst) als die Wut kreativ und konstruktiv auszuleben.

Die Arrivierten halten sich einen Psychologen oder gar Psychiater wie Paris Hilton ihr degeneriertes Zwerg-Hündchen. Die einzige Herausforderung, die unseren ‚Künstlern‘ heute noch übrig bleibt, ist das Abenteuer des Innern, bei der Erkundung unseres Selbst. So jedenfalls sehe ich die heutigen Künstler – es geht ihnen viel zu gut. Sie sind träge und satt.

Shadu

Ich sagte ja: Vielleicht haben sie schon vor dem Gesundheitswahn kapituliert „Der letzte Zug «ein literarischer Kneipenmarathon auf den Spuren des blauen Dunstes?» wie erbärmlich.

Perle

Lieber Shadu, keine Chance auf einen kritischen Aufschrei, die Damen und Herren sitzen in der Toskana, häuten die Zwiebeln und weinen in ihre schrumpfenden Bank-Depots.

Martella

So jedenfalls sehe ich die heutigen Künstler – es geht ihnen viel zu gut. Sie sind träge und satt.

Das reicht für mich als Erklärung aber nicht aus. Es gibt genügend Gegenbeispiele: Richard Wagner hat zumindest zeitweilig in durchaus luxuriösem Ambiente gelebt, Verdi und Johann Strauß haben bestens verdient. Gar nicht erst zu reden von jemandem wie Salvador Dali. Trotzdem haben sie in ihrem Genre großartiges geleistet.
Ich halte es bei der Definition von Kunst ja mit Nikolaj Bucharin, nach dem Kunst die „Vergesellschaftung von Gefühlen in Gestalten“ ist. Und ich würde einmal sagen, große Gestalten (=Kunstwerke) setzen große Gefühle voraus. Nur, welche Gefühle erregt denn ein Gesundheitshysteriker? In der Menge sind seinesgleichen natürlich eine Gefahr für jede freiheitliche Gesellschaft, aber der einzelne? Wozu soll so ein verbiesterter Asket, der alle, die das Leben noch genießen, bodenlos hasst, denn einen Künstler inspirieren? Es wird vermutlich nicht einmal zu einem guten Klospruch reichen.

Carolus Magnus

Du hast recht: Ohne starke Gefühle keine Kunst. So verbleibt die Frage, wo die konstruktive Wut der Künstler geblieben ist?

Martella

Wo ist die konstruktive Wut der Künstler geblieben?

Schaun’s, nehmen wir einmal die Satiriker. Österreich hat eine lange Tradition im politischen Kabarett und der gezeichneten politischen Karikatur, aber was heute geboten wird, ist unterste Schublade und nur noch peinlich. Kein Wortwitz, kein Angriff auf die Mächtigen, keine bissige Bestandesaufnahme gesellschaftlicher Mißstände. Weit und breit ist kein neuer Farkas oder Grünbaum zu sehen. Und ich glaube den Grund zu wissen: Satire lebt von der Übertreibung. Wie aber wollen Sie z.B. die Insassen der Parlamente noch irrer darstellen als sie schon sind?

Dieses Sammelsurium aus halbdebilen Apparatschiks, Quotenweibern und „Leider-nein“-Staatsmännern ist bereits gelebte Satire. Somit lassen sich die Figuren nicht mehr überzeichnen. Da bleibt halt nur die Flucht in halblustige Witzchen, über die schon am Hof von Ramses II vermutlich nicht mehr gelacht werden konnte.

Was mich aber wirklich entsetzt, ist das völlige Verschwinden des politischen Liedes. Vor 30 Jahren noch ist doch zu jedem Bezirksparteitag ein Protestsong geschrieben worden. Und heute? Nix, njet, nada. Die Musik ist kein Bestandteil des politischen Alltags mehr. Vielleicht sollte in den Schulen doch wieder ein Musikinstrument unterrichtet werden, damit die lieben Kleinen mehr lernen als nur den iPod einzuschalten.

Meinrad

Ja, absehbarerweise wird sie sehr steril und langweilig sein, diese Nichtraucherwelt, die uns soeben verordnet wird. Und trotzdem regt sich Widerstand. Rasend schnell formiert sich ein „smoking underground“, in den ich selbst unbeabsichtigt hineingeraten bin.

Da hat das Rauchverbot eine Bluesband ins Freie getrieben, die früher stets in einer Lokalität beheimatet war. Denn der Blues ist nun eine Musikart, welche überhaupt nicht rauchfrei existieren kann und das war der Grund, der sie zunächst aus der Kneipe vertrieben hat. Sonst hätte ich von deren Existenz nie erfahren, ich gehe sonst nie in Kneipen. Inzwischen, darf ich sagen, sitzt man wieder überdacht und nicht unbewirtet. Mehr darf ich, der Denunzianten wegen, jetzt nicht sagen.

Ich wurde zu einem Workshop eingeladen, denn ich selbst kann Blues-Harp spielen. Man fürchtete, es würden nicht genug Musiker zusammenkommen, aber das Gegenteil war der Fall: wir hatten fünf Gitarren, einen Bass und drei Harps. Welche alle zugleich losspielten und alle Zurückhaltung vermissen ließen. So etwa muss man sich den Urknall vorstellen, der unser Universum entstehen ließ. Noch ist es nicht so weit, dass ich die Freunde, die sich im feinen Mannheimer Süden treffen, guten Gewissens einladen kann. Aber die Beteiligten haben Besserung versprochen, das nächste Mal sich etwas zurückzuhalten und Einzelnen ein Solo zu gönnen. Ich habe die Einführung eines bei dieser Musikart etwas unüblichen Dirigenten vorgeschlagen.

Yeah, man fand, ich sei gut und demnächst, noch im September, wolle man auftreten und ich dürfe mitmachen. Nun, in der Blues-Welt findet alles Beschlossene zwar irgendwann statt, nur nicht zu dem ursprünglich geplanten Zeitpunkt. Warten wir’s ab.

Echtes Prekariats- und Verlierertreffen, wird sich der Anti denken, der dies liest. Soll er. You got yours, and brother, you know I got mine.

One thought on “Gesellschaftskrische Künstler – Wo sind sie geblieben?

  1. Sind unsere Künstler satt, fantasielos und auf sich selbst zentriet geworden?
    Haben sie eine Zensurschere im Kopf?
    Passen sie sich freiwillig dem vermeindlichen Mainstream an?

    Oder werden ihre Werke einfach nicht veröffentlicht?
    Wird ihnen keine Plattform für ihre Anliegen geboten?
    Sie könnten ja die schöne neue Welt stören.

    Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.
    George Orwell (1903-50), eigtl. Eric Arthur Blair, engl. Schriftsteller

    Ist auch diese Freiheit bedroht?

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