Kreuzzug gegen Raucher V

 

«Hauch von Unendlichkeit»

Der amerikanische Literaturwissenschaftler Richard Klein setzt dem entgegen, dass die Zigarette durchaus solche Bedeutungen besitze – und dass es hilfreich wäre, sie nicht zu leugnen. Das Verbote lustvoll Überschreitende der Zigarette etwa, das lange vor jeder Werbung von den Rauchenden (und den Rauchfeinden) gespürt wurde, sei nicht zuletzt ein Grund dafür, dass Frauen sie gezielt als Zeichen ihrer Freiheit und Emanzipation einsetzten – das würde den Zuwachs an Raucherinnen erklären.

Auch eine Transzendenzerfahrung sei mit dem Rauchen verbunden, schreibt Klein in seinem Buch «Schöner blauer Dunst»: «In dem Augenblick, in dem man zur Zigarette greift, schafft man sich einen Freiraum im gewöhnlichen Ablauf des Erlebens, einen gesonderten ?Zeit-Raum?, für eine gesteigerte Wahrnehmung. Durch das Ritual mit den Elementen Feuer, Rauch und Asche werden Hände, Lungen, Atem und Mund eins, eine Verbindung mit dem Transzendentalen scheint hergestellt; man verspürt einen Hauch von Unendlichkeit, der eine andere Sichtweise erahnen lässt und es einem – wenn auch nur für kurze Zeit – erlaubt, außerhalb seiner selbst zu stehen.»

Indem er eine solche Hymne an die symbolischen Bedeutungen der Zigarette verfasste, hat Klein seinen eigenen Abschied vom Rauchen geschafft. Seine Logik: Das Schädliche, Schlechte, ja Ekelhafte der Zigarette ist unverzichtbarer Teil ihres Reizes. «Zigaretten sind schlecht. Aus diesem Grund sind sie gut – nicht gesund, nicht schön, aber erhaben.» Das bloße Wissen um die Gesundheitsschädlichkeit des Rauchens bringe daher die wenigsten Raucher dazu, die Zigarette auf ewig aus ihrem Leben zu verbannen. Warum also nicht ein anderer Ansatz? Warum nicht einer, der quasi «Trauerarbeit» leistet? Der Verlust an symbolischer Lebensqualität ernst nimmt, den das Nichtrauchen mit sich bringt?

Etwas prosaischer argumentieren die Bremer Drogenforscher Henning Schmidt-Semisch und Birgitta Kolte für eine andere Form der Tabakpolitik. Die offizielle Rede von der Nikotinsucht führe zum einen dazu, dass völlige Abstinenz als einziges Ziel zugelassen werde, und zum anderen dazu, dass sich der Raucher selbst für süchtiger hält, als er es eigentlich physiologisch ist, und sich den Entzug gar nicht mehr zutraut – eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Dagegen setzen die Bremer Experten bei abstinenzunwilligen Rauchern auf das «kontrollierte Rauchen», bei dem das Gesundheitsrisiko durch gezielte Senkung des Zigarettenkonsums reduziert wird. Allerdings hat Schmidt-Semisch die Erfahrung gemacht: «Wenn man sich kritisch mit der offiziellen Tabakpolitik auseinander setzt, wird man rufschädigend angegangen – mehr sogar als bei illegalen Drogen.»

Wie wird es weitergehen? Ein völliges Verbot von Zigaretten ist, allein der Arbeitsplätze und des Steueraufkommens wegen, nicht einmal für die USA absehbar, für die Schweiz und andere europäische Länder schon gar nicht. Aber wahrscheinlich wird das Rauchen auf absehbare Zeit noch stärker aus dem öffentlichen Raum verbannt. Tabakhistoriker halten den gegenwärtigen Anti-Raucher-Kreuzzug dennoch nur für eine Phase in einer langen Geschichte von – letztlich immer wieder gescheiterten – Versuchen, das Rauchen abzuschaffen. Auf die Generation der Verdammer, so die Historikerin Tate, folge regelmäßig die Generation derer, die gerade deshalb rauchten, weil ihre Eltern eben durch ihre Verdammung die Zigarette zu einem fabelhaften Symbol des Rebellentums gemacht hätten. Und diese Rebellengeneration trage ihre Zigarettenpackungen dann, mit wachsendem Alter, wieder aus der gesellschaftlichen Randzone zurück in die Normalität.

Gerade in Kriegszeiten neigen Gesellschaften außerdem dazu, Rauchverbote aufzuheben und die Zigarette sogar wieder mit positiven Werten aufzuladen. Unter den amerikanischen Truppen im Irak ist jetzt schon ein Anstieg des Zigarettenverbrauchs zu beobachten: Die Soldaten rauchen gegen die Langeweile, gegen den Druck, gegen die Todesangst und als Ausdruck der Verbundenheit, wie Soldaten es seit Einführung des Tabaks immer und überall getan haben. Und inzwischen zeigen selbst amerikanische Medien wieder Bilder von rauchenden GIs in der Kampfzone. Für die Zigarette als Fronthelfer gelten offenbar andere Gesetze.

Ende.

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