«Surprise» und das kalte Herz der SBB

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«Surprise» soll aus Bahnhöfen abziehen

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Nach der Raucherdiskriminierung boykottieren die SBB jetzt das Integrationsprojekt sozial benachteiligter Menschen. Man sieht der Armut in der Schweiz ungern ins Gesicht, denn es reaktiviert verdrängte Ängste.

Ab dem 1. Januar 2009 dürfen die «Surprise»-Verkäufer nach eigenen Angaben ihr Straßenmagazin nicht mehr in den Schweizer Bahnhöfen anbieten. Das Straßenmagazin befürchtet beträchtliche finanzielle Einbussen, wenn der Verkauf in den Bahnhöfen nicht mehr möglich wäre. In einem Communiqué bestätigen die SBB am Freitag, sämtliche Promotionsverträge auf Ende Jahr gekündigt zu haben. Die Gespräche mit den betroffenen Organisationen seien aber noch nicht abgeschlossen. – «Surprise» versteht sich als Integrationsprojekt für sozial benachteiligte Menschen. «Surprise»-Verkäufer sind in der Regel Sozialhilfe-Empfänger, die sich legal etwas zuverdienen und sich eine Tagesstruktur aufbauen (sie wissen, weshalb sie am Morgen aufstehen).

Es macht den Anschein, als ob sich die SBB am Anblick von Rauchern und sozial Schwachen stört und um ihr Image fürchtet. Sie diskriminiert deshalb gezielt solchen in ihren Augen wahrgenommenen «Abschaum». Die SBB haben wohl Angst, daß sich alle gleichgeschalteten, aalglatten Flanellbünzlis in ihrem im Halbschlaf daherkommenden Morgentrott gestört fühlen könnten beim Anblick von weniger Angepaßten und Gleichgeschalteten, Dennoch sind die allermeisten «Surprise»-Verkäufer gepflegt und anständig angezogen und dürfen nur nüchtern verkaufen.

Zugegeben, sie passen nicht unbedingt in die Corporate Identity der SBB; Und wir alle wollen ignorieren, daß auch in der Schweiz Armut besteht. Man wird nicht gerne daran erinnert, daß einem dasselbe Schicksal jederzeit auch ereilen kann. Die SBB dürfen sich menschenverachtend verhalten, weil die Bahnhöfe nicht öffentlicher Grund sind, auch wenn die SBB dem Staat, also uns allen, gehört. Jahrzehntelang mußten wir sie jedes Jahr mit unseren Steuergeldern subventionieren – und so wird es verdankt. Sozial- und Wirtschaftsdarwinismus pur nennt man so etwas, woran wir uns bereits so sehr gewöhnt haben. Da ändert auch die Tatsache nichts, daß bereits in zehn Wochen Weihnachten ist. Anders als Restaurants, die angeblich öffentlichen Grund darstellen sollen, obwohl sie Privatpersonen gehören, ist es bei den SBB genau umgekehrt. Ist das nun dem Neusprech zu verdanken? Auf alle Fälle ist es eine verkehrte und kaputte Welt.

Carolus Magnus

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