Postmoderne olfaktorische Ambivalenz

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Der Krieg um Geruchspräferenzen

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napoleon-bonaparte2Es sind gerade mal 200 Jahre her, als sich der Mensch noch an echten Gerüchen erbauen, ja gar delirieren konnte und die Grundlage einer langlebigen Liebe, nicht nur zum Partner, sondern zum Leben selbst, sicherte. Das sogenannte unsichtbare Band zwischen Menschen, das evolutionsgeschichtlich älteste Sinnesorgan, fand über unsere Nüstern statt. Dieses scheint heute, strandenden Walen ähnlich, nicht mehr vorhanden, zählt die Schweiz doch 50 Prozent Einpersonenhaushalte. Jeder zweite lebt allein in seinen vier Wänden aus dem Unvermögen, den andren riechen zu können. Nichts war stärker als der Geruchssinn, wenn es darum ging, uns an etwas längst Vergessenes zu erinnern. Magerwiesen, Wälder, Auen, heute ausgerottete oder gesetzlich verbotene Pflanzen und Tiere ließen Menschen an einem Bouquet von Geruchssensationen teilhaben, einem Feuerwerk gleich, von dem der moderne Mensch nicht einmal mehr träumen kann in seinen Depressiönchen und Stadt-Neuröschen.

Weit entfernt von der paradiesischen Natur dieses einst geerdeten Seins, in einer virtuell urbaninsierten Welt städtebaulicher Vergewaltigung, hat sich die Geruchswelt in ein undifferenzierbares Gemisch aus synthetisierten Stoffen der Öl- und Chemieindustrie gewandelt. Moleküle aus Benzol, Dönerdampf und Intimspray beherrschen den städtischen Alltag und angewidert schütteln wir den Kopf angesichts der Liebeserklärung Napoleons an seine Frau Josephine: »Ne te lave pas, j’arrive.« – Wasche dich nicht, ich komme.

»Je ne te demande ni amour éternel, ni fidélité, mais seulement[…] vérité, franchise sans bornes. Le jour où tu dirais «je t’aime moins» sera le dernier de ma vie. Si mon coeur était assez vil pour aimer sans retour, je le hacherais avec les dents. Joséphine, Joséphine ! Souviens-toi de ce que je t’ai dit quelquefois: la Nature m’a fait l’âme forte et décidée. Elle t’a bâtie de dentelle et de gaze[…]«

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chanel5Hier ist nicht die Rede von »Chanel No. 5« oder dem ultimativen Parfum, deriviert aus einem kurz an der Schwelle zur Frau metamorphierenden Mädchen, wie man es im Bestseller »Das Parfüm« bei Patrick Süßkind nachlesen kann. Doch alleine die Tatsache, daß solchen Büchern ein Riesenerfolg beschieden ist, belegt, daß wir uns einerseits sowohl im Innern wieder nach der verloren gegangenen Geruchswelt sehnen, als auch andererseits diese unerklärlicherweise verabscheuen. Inmitten dieser postmodernen olfaktorischen Ambivalenz und Desorientiertheit ist der Mensch besonders empfänglich für religiös angehauchte Werbebotschaften der monopolistischen Megakonglomerate, welche das Reflektionsvermögen und  die gelegentlich noch auf dem Lande anzutreffende Bodenständigkeit in größeren Agglomerationen immer mehr verkümmern lassen. Falsche Wissenschaftsgläubigkeit und der kindliche Wunsch nach ewigem Leben haben die Wahrnehmung der Realität in einem Maß verschoben, daß man bereits von einer Massenhysterie (hystera=Uterus) spricht. Der unbewußte Wunsch zurück in den Uterus manifestiert sich im heute vorherrschenden Sicherheitswahn. Solche Menschen werden aus psychologischer Sicht als nicht überlebensfähig betrachtet und Darwin’s Gesetz des »survival of the fittest« wird hier von den Regierungen in ihrem Regulierungsrausch der Privatsphäre sträflich vernachlässigt. Das wird nicht ohne Folgen bleiben.

Damit wäre auch zu erklären, weshalb sich keiner gegen das gesetzlich installierte Tabak-Geruchsverbot für Nichtraucher zur Wehr setzt, obwohl Raucher wie Nichtraucher unter diesem esoterischen Schisma zu leiden haben. Die Menschen werden immer kränker, Seelen leider immer mehr und die Umsätze der Chemiefirmen steigen immer höher. Gesetzlich abgesegnete Boni für Großkonzerne. Wachstum auf Kosten der Lebensqualität. Doch der Mensch lebt nicht vom Brot Geld allein (Joh. 4.5-13).

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