Des DMFZ neue Kleider

Ein modernes Märchen

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Es war einmal ein armes Mädchen, fleißig und ehrlich, zu jedem Mitmenschen freundlich, und es hegte nie einen bösen Gedanken gegen irgendwen. Anders jedoch seine Stiefmutter und deren Tochter. Die Mutter war eine böse verbitterte Frau, die durch ihre feindliche, mißgünstige Art ihren ersten Ehemann in die Flucht getrieben hatte, und auch der zweite Ehemann, der leibliche Vater des freundlichen Mädchens, starb schon vor vielen Lenzen aus lauter Gram, den ihm seine böse Frau bereitete. Die Stiefschwester aber war ein noch böseres Weib; sie war faul, verlogen und gehässig, und jede noch so leichte Arbeit ließ sie ihre eigene Mutter dem armen Mädchen aufbürden.

Die einzige Freude des Mädchens bestand darin, sich hin und wieder eine Zigarette anzuzünden, eine der Zigaretten, die ihr verstorbener Vater auf dem Totenbett in einer einzigen Schachtel ihr als Gabe hinterlassen hatte. Selbstverständlich durften die Stiefmutter und die böse Schwester hiervon nichts mitbekommen. Sie konnten nämlich den Gedanken nicht ertragen, daß das arme Mädchen auch nur ein klein wenig Freude genießen könnte, in Erinnerung an ihren guten Vater.

Das Haus der drei Frauen lag inmitten des schönen Märchenlandes. Eines Tages geschah es, daß darin der Feuerholzvorrat zu Ende ging. „Heda!“, rief die böse Stiefmutter dem armen Mädchen zu, „gehe sofort hinaus und besorge uns neues Feuerholz, damit ich und deine Schwester nicht mehr so frieren müssen!“ Ohne einen bösen Gedanken und unter dem hämischen Grinsen der bösen Stiefschwester brach das arme Mädchen auf, um im Wald nach neuem Feuerholz zu suchen.

Als sie in ihrer unbekümmerten Art den Weg entlang hüpfte, stand vor ihr plötzlich ein armer Bettelmann am Straßenrand, der gar traurig in Richtung des Mädchens blickte. „Oh ihr armer Mann, was schaut ihr so betrübt?“, erkundigte sich das gutherzige Mädchen den, in Lumpen gehüllten Alten, der mit einem steinharten Brot in der Hand vor ihr stand. Mit zittriger Stimme klagte er: „Mir ist der Tabak ausgegangen, hättet ihr vielleicht eine Zigarette für einen alten, armen Mann übrig?“ – „Aber sicher doch“, entgegnete das Mädchen und freute sich, einem Mitmenschen etwas Gutes zu tun. Als sie jedoch in die Schachtel ihres geliebten Vaters schaute, fand sie darin nur noch eine einzige Zigarette. Doch dies hielt das Mädchen nicht davon ab, denn es war ihr wichtig, dem armen Bettelmann eine Freude zu bereiten und überreichte ihm ihre letzte Zigarette, was dieser mit einem freundlichen Lächeln vergalt.

Auf der Suche nach Holz folgte das Mädchen dem Weg weiter und gelangte in eine größere Ortschaft. Dort schien ein Fest in Gang zu sein, denn sie bemerkte einen großen Menschenauflauf, der durch lautes Jubeln und Getöse schon von weitem zu hören war. Als sie näher kam, wandte sie sich an den nächst besten Menschen am Straßenrand und fragte: „Oh ihr lieben Leute, was wird denn hier gefeiert?“ – „Der Kaiser stellt seine neuen Kleider vor, und das Volk des Märchenlandes feiert nun seine herrlichen Gewänder“, antwortete ihr der Mann, der sich alsbald mit freudigen Hurra-Rufen wieder der Straße zuwandte. Als das Mädchen zwischen den vielen Menschen hindurchspähte, erblickte auch sie den Kaiser und stellte verdutzt fest, daß er splitterfasernackt war. Doch alle Leute bejubelten seine schönen neuen Kleider. Allein ein kleines Kind rief plötzlich: „Aber der Kaiser hat doch gar nichts an!“ Innert Sekunden ward Schweigen in der Menge. Erschrocken zuckte der Vater des Kindes zusammen und zischte seinem Kinde zu, es solle nicht so einen Unsinn reden, schließlich beleidige es damit den Kaiser. Doch das freundliche Mädchen beugte sich zu dem armen Kinde hinunter und sagte: „Keine Sorge, mein liebes Kind, auch ich sehe, daß der Kaiser nichts anhat, du bist nicht alleine!“ Und das Kind vergalt es dem lieben Mädchen mit einem Lächeln, das direkt aus dem Herzen kam.

Als das Mädchen ihren Marsch fortsetzte, kam sie bald zu einem Gasthaus, vor dessen Tür der Wirt auf dem Boden saß und gar bitterlich weinte. „Oh lieber Wirt, was seid Ihr so traurig?“ fragte ihn das gute Mädchen voller Mitgefühl, das ihr bald selbst die Tränen in die Augen trieb. „Ich bin ruiniert“, sagte der gute Mann, „kein Mensch möchte mehr in meinem Gasthaus verkehren. Seit dem 1. Januar 2008 verbietet das kaiserliche Nichtraucherschutzgesetz des Märchenlandes das Rauchen in meinem Gasthaus, und seitdem sind meine Tische und Stühle verwaist und es herrscht eine gar abscheuliche Stille, schlimmer als in Dornröschens Schloß. Sogar die sieben Zwerge, die früher jeden Abend nach einem anstrengenden Arbeitstag gemütlich am Stammtisch beisammen saßen, finden sich nun nicht mehr ein. Ihre Becherchen und Tellerchen sind leerer als jemals zuvor.“ – „Aber grämt Euch doch nicht, lieber Wirt“, tröstete ihn das gute Mädchen, „eröffnet doch einfach einen Raucherclub. Dann dürft Ihr und Eure Gäste weiterrauchen, so wie es Euch beliebt!“ Sprach’s und zauberte dem Wirt ein hoffnungsfrohes Glänzen in seine hellgrünen Augen. Er stand auf und stürmte hinein, holte Stift und Schiefertafel, so daß man alsbald bereits von weitem das Schild mit der Aufschrift „Geschlossene Gesellschaft“ an seiner Türe sehen konnte. Ehe er es sich versah, stürmten auch schon die Zwerge, die Feen und Zauberer sein Gasthaus, um sich einzuschreiben und eine der begehrten Mitgliedskarten zu ergattern.

Mit Freude im Herzen, den Wirt wieder glücklich zu sehen, zog das liebe Mädchen weiter, und gelangte alsbald zu einem großen Tor. Kaum stand sie darunter, fiel von dessen Spitze wie von Geisterhand ein Los der kaiserlichen Märchenland-Lotterie vom Himmel, direkt in die Schürze des guten Mädchens.

Im Haus der drei Frauen ärgerte sich mittlerweile die böse Stiefmutter über das lange Wegbleiben des Mädchens und sprühte zornig Gift: „Mein gutes Kind“, sprach sie ihre faule, bösartige Tochter an, „Geh und suche nach dem Mädchen, wo es bleibt. Das Feuerholz ist zu Ende und nur wegen ihres unerträglichen Getrödels müssen wir hier so frieren. Geh, und bringe sie zurück, und wenn sie zurück ist, soll sie ihren Frevel tief im finsteren Keller büßen, dieses verfluchte Kind!“

Mürrisch zog die böse Stiefschwester los, um das Mädchen zu suchen. Schon nach kurzer Zeit traf sie auf den Bettelmann, der am Straßenrand stand. Kaum, daß sie ihn gesehen, keifte sie in an: „Hinfort aus meinem Blicke mit Euch, Ihr seid eine Schande für die ganze Gesellschaft!“. „Verzeiht“, entgegnete er ihr, „ich wollte Euch nur um Feuer bitten, vorhin war ein nettes Mädchen so gütig und schenkte mir eine Zigarette.“ – „Alter Narr!“, schrie ihn die böse Stiefschwester an und schlug ihm mit der Hand die Zigarette aus dem Mund, so daß diese direkt in einer Pfütze landete. „Stellt Euch vor, ich sei schwanger, Sie Mörder. Um einen wie Euch ist es nicht schade, Ihr seid ein rücksichtsloser Nichtsnutz, ich und meine Gesundheit sind vor Leuten wie Euch zu schützen!“

Eitel und selbstzufrieden mit ihrer vermeintlich aufklärerischen Arbeit ging sie weiter, und stieß alsbald auf den Menschenauflauf, der noch immer des Kaisers neue Kleider pries. Brav stellte auch sie sich in die Reihen und jubelte dem nackten Kaiser zu, der nicht müde wurde, dem Volke seine neuen Gewänder zu präsentieren. „Aber er hat doch wirklich nichts an, seht Ihr das denn nicht“, rief erneut das Kind in die Menge, so daß all die Leute ängstlich und verdutzt innehielten. „Schweig, du dummes Kind“ brüllte die böse Stiefschwester, noch ehe der Vater sein Kind maßregeln konnte. „Was fällt Dir ein, an der Echtheit unseres Kaisers zu zweifeln? Willst Du Dich über ihn lustig machen, die Leute gegen ihn und seine neuen Kleider aufstacheln? Seid ihr alle blind? Natürlich trägt der Kaiser Kleider, und äußerst schöne obendrauf! Sie riechen nicht mehr nach Rauch, riechst du das denn nicht?! Wachleute! Eilt herbei! Kümmert Euch um dieses Kind, das den Kaiser verunglimpft, und um seinen Vater ebenso, der die Verantwortung für die Lügen dieses Kindes trägt!“

Sofort kamen zwei Dutzend Wachleute des Kaisers angerannt, die den Vater und sein Kind abführten, wohin, wußte niemand so genau. Es interessierte sie auch nicht. Die Menge begann wieder, dem Kaiser und seinen Gewändern, die noch immer niemand sehen konnte, zuzujubeln, und die böse Stiefschwester ging, aufgekratzt und zufrieden weiter des Weges.

Bald schon kam sie an dem Gasthaus vorbei, aus dessen Fenstern sie frohes Lachen und Singen vernahm. Zerfressen vor Mißgunst, daß andere glücklicher sein könnten als sie selbst, spähte sie durch eines der Fenster und erblickte viele Tische mit Kuchen und Wein, mit bis zum Rande gefüllten Tellern und Bechern. Als sie auch noch den fröhlichen Wirt erblickte, umringt von den sieben Zwergen, den Feen, Elfen und guten Waldgeistern, allesamt glücklich und rauchend, konnte sie ihre Wut nicht mehr zügeln und geiferte laut in die Wirtstube hinein: „Skandal!“ Dann erst erblickte sie das kunstvoll geschmiedete Schild über der Tür, worauf stand „Geschlossene Gesellschaft“. Sofort entschloß sie sich, diesen Raucherclub auszuheben, da dieser den Vollzugsrichtlinien des kaiserlichen Nichtraucherschutzgesetzes im Märchenland nicht zu entsprechen schien. Sie kritzelte etwas auf eine Baumrinde und wickelte es um die Brieftaube. Es war ein vorgefertigtes Anzeigenformular, speziell um Wirte der kaiserlichen Garde zu melden, die ihn dem Henker vorzuführen hatten.

Nachdem die böse Stiefschwester sich wieder gefangen hatte, kam ein ungeahntes Wohlgefühl auf und sie setzte ihren Marsch mit zackigen, weitausholenden Schritten fort, stolz darauf, ihrem Kaiser so untertänig gedient zu haben. Kurz darauf kam sie zu einem großen Tor. Kaum daß sie in der Mitte des Tores stand, fiel auch bei ihr ein Los der kaiserlichen Märchenland-Lotterie vom Himmel, das in ihren Händen landete. Hastig öffnete sie das Los worauf geschrieben stand: «Wir gratulieren Ihnen zum Hauptgewinn!» Die Stiefschwester sprach zum großen Tor: „Wurde aber auch mal Zeit, daß ich für meine Taten von der kaiserlichen Märchenland-Lotterie belohnt werde. Was täte der Kaiser bloß ohne mich“. Sie beschloß, die Suche nach dem Mädchen abzubrechen und heimzukehren.

Auch das arme, freundliche Mädchen hatte ihr Los geöffnet und hielt eine Niete in der Hand. Fröhlich rollte sie das Papier und stopfte es mit den übrig gebliebenen Tabakkrümeln aus des geliebten Vaters Tabakdose, legte sich rücklings sich ins Gras und schmauchte gemütlich den würzigen Duft. Sie schaute den blauen Kringeln ihres Rauches und den vorüberziehenden kleinen, weißen Wolken am Himmel nach und dachte: „Ach, wie schön die Welt doch ist und wie wenig es braucht um glücklich zu sein“.

Aufgrund ihres Lotto-Gewinnes und in der Hoffnung, bald einen Mann zu finden, kaufte sich die böse Stiefschwester ein eigenes Haus und trat dem Verein „Pro Kleiderfrei“ als Fördermitglied bei. Doch irgendwie klappte das mit der Partnersuche einfach nicht. Sie fand sich damit ab und hat es sich als alte Jungfer bis in alle Ewigkeit zur Aufgabe gemacht, ihre ganze Energie ausnahmslos damit zu verbringen, Wirte, die in ihren Gaststätten rauchen lassen, zu denunzieren. Sie ist stolz auf ihre Tätigkeit, denn so sichert sie die neue kaiserliche Gesellschaftsordnung im Märchenland.

Die Mutter lebt nun einsam und alleine im Drei-Frauen-Haus und betätigt sich tagsüber als Sprachrohr im WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle im Deutschen Märchenforschungs-Zentrum in Heidelberg. Täglich marschiert sie durch die deutschen Lande mit einem Rufhorn in der Hand und erzählt in allen Dörfern die neusten Märchen des DMFZ – bis sie jeweils abends heiser ins Bett fällt.

Das freundliche Mädchen hingegen heiratete den Wirt und bedient mit ihm die Gäste. Sie spielen Karten mit den sieben Zwergen, hören interessiert den Abenteuern der Feen und Elfen zu, spendieren dem Bettelmann gelegentlich ein Glas Wein oder eine Zigarette, denn das Wirtshaus gründete den Verein zum Erhalt der märchenländischen Wirtshauskultur mit über 60’000 Mitgliedern verteilt im ganzen Lande, verbot dem Kaiser den Zutritt, um seine Gesundheit nicht zu gefährden und hat vor dem Gasthaus einen Hahn auf dem Brunnen sitzen, der jeden mißgünstigen, gehässigen Mensch sofort mit dem Ruf ankündigt: „Kikeriki, Denunziantensau ist hie!“

Auch wenn das große Geld und die „anständigen“ Betätigungsfelder an unserem lieben Mädchen vorüber gegangen sind, kann sie dennoch in den Spiegel schauen mit den Worten: „Spieglein, Spieglein, an der Wand, kann jemand glücklicher sein im ganzen Land?“ Worauf dieser jeden Abend antwortet: „Nein, fröhliches Mädchen, Ihr seid die Glücklichste hier, die andern hassen das Glück und leben tut nur Ihr!“

Und wenn sie nicht gestorben sind, lügen Mutter und Stiefschwester noch heute.

[Mr. Marple]

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