Freiheit und Rücksichtnahme (2)

Freiheit und Rücksichtnahme

Fortsetzung von gestern

Kontemplation in einer hektischen Zeit

Ich nehme für dieses Buch gar nicht in Anspruch all umfassend alles erfasst zu haben. Dieses Buch ist kein wissenschaftliches Werk. Dies ist eine Streitschrift, die eine rationale Diskussion erst einmal durch eine klare zum Teil auch polemische Positionierung, durch die Formulierung einer meiner Meinung nach richtigen, aber ausgegrenzten, Seite überhaupt erst ermöglichen will. Denn die klare Darstellung beider Seiten ist die Voraussetzung eines rationalen Diskurses, kommt, wie bisher im Antirauchdiskurs nur eine Seite zu Wort, gibt es keine Rationalität.

Und ich gebe gerne zu in meinem alltäglichen Handeln nicht absolut konsequent zu sein. Auch ich bin manchmal intolerant – vielleicht auch gegen Raucherinnen und Raucher. Aber ich lehne auch jede reine Lehre ab. Dieser Text ist sicher genauso wie ich nicht nur sauber und klar, sondern auch von Schmutz und Ambivalenz gezeichnet. Aber absolute Konsequenz wäre unmenschlich und totalitär. Ich schreibe gegen solche fundamentalistischen Glaubenssätze an. Der Irrtum, der Traum, die Inkonsequenzen, sind nur allzu oft die Quelle von Inspiration und Lösungen. Ich misstraue dem eingeschränkten, wissenschaftlich-objektivistisch totalitärem Blick zutiefst. Die Wissenschaften verfehlen das Eigentliche nur allzu oft.

Und es sind im Regelfall auch nicht die Raucherinnen und Raucher, die sich hinter irgendwelchen objektivistischen Wissenschafts-Blabla verschanzen. Es sind die Antiraucherinnen und Antiraucher die sich hinter wissenschaftlichen Titeln und Institutionen verkriechen, hinter Medizinerinnen, Medizinern und Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern, denn sie arbeiten mit dem grössten und wichtigsten Wirtschaftszweig Hand in Hand. Der medizinisch-industrielle Komplex ist längst in allen Industrieländern zu einem überwältigenden und demokratisch kaum noch zu kontrollierendem Moloch mutiert.

Es ist deshalb, wie bereits gesagt, vollständig absurd wenn solche Heldinnen und Helden, die sich in ihrer gesamten Argumentation auf Texte, Statistiken und die Unterstützung aus den Schaltzentralen der Macht verlassen, sich gebärden als wären sie eine arme verfolgte Minderheit. In Tat und Wahrheit sind die wirtschaftlichen Interessen der Tabakindustrie ein unbedeutend kleiner und randständiger Bereich in der heutigen Wirtschaft, was uns die aktuelle Subprimekrise mit 2000 Mrd. Dollar Geldvernichtung anschaulich vor Augen führt.

Die Vorraussetzung für eine freie und auf dem Prinzip gegenseitiger Rücksichtnahme basierende Gesellschaft benötigt eine realistische Einschätzung der eigenen Verstricktheit von Macht- und Wirtschaftsinteressen. Den Raucherinnen und Rauchern ist durchaus klar, dass sie nicht so tun können, als gäbe es keine Tabakindustrie.

Die Antiraucherinnen und Antiraucher tun aber so als würden sie keine wirtschaftlichen Interessen vertreten, als hätten sie keine politische und wirtschaftliche Megamacht im Rücken. Dabei sind ihre Argumentationen und Tiraden, wie in diesem Buch aufgeführt, von den vielfältigsten autoritären und totalitären politischen und wirtschaftlichen Interessen durchdrungen. Als Vorraussetzung für einen offenen Diskurs müssten auch sie anerkennen, das auch das, was sie vertreten, eine Meinung ist. und anderen Meinungen nicht weniger Recht zukommt. Vertreter der Antiraucher finden es nur recht und billig, Geldern von den Tabakfirmen für Studien entgegenzunehmen, aus den Milliardenzahlungen, die sie der Gesellschaft zurückzahlen müssen; kommt aber eine Pro-Raucher Studie, auch wenn sie wissenschaftlich einwandfrei zustande gekommen ist mit solchem Geld in die Wissenschaft, wird wie Krähen auf denen rumgehackt und ihnen wird Befangenheit vorgeworfen. Diese Doppelmoral und Bigotterie gilt es zu eliminieren.

Die Vorraussetzung für eine faire Auseinandersetzung ist, dass alle, Raucherinnen, Raucher, Antiraucherinnen und Antiraucher, sich über ihre Abhängigkeiten klar werden. Und, dass nicht die Antiraucherinnen und Antiraucher diese einseitig leugnen. Auch sollten sich alle über ihre unterdrückten und verdeckten Motive klar Rechenschaft ablegen. Denn der Hass mit dem viele Antiraucherinnen und Antiraucher das Rauchen verfolgen ist wohl kaum rational mit den Folgen des Rauchens zu erklären. Denn dann müssten sie logischerweise auch Autofahrerinnen und Autofahrer, Ferntouristinnen und Ferntouristen, und viele andere Menschen, die unsere Umwelt und Gesundheit schädigen mit der gleichen Radikalität verfolgen werden. Das ist aber nicht der Fall. Der Grund für diese verzerrte Fratze, für die Tiraden gegen das Rauchen liegt also nicht im Rauchen selbst, sondern offensichtlich in dem, was damit verbunden wird, der Angst vor allem was Anders ist, was als schmutzig empfunden wird, was leibliche Lust und Genuss repräsentiert.

Das Problem des Rauchens liesse sich leicht durch ein wenig gegenseitige Rücksichtnahme lösen. Ich sehe dabei durchaus auch einige Raucherinnen und Raucher vor mir, die nicht zur Rücksichtnahme bereit sind – aber meist sind es die Antiraucherinnen und Antiraucher die selbstgerecht und nicht bereit zu Kompromissen jegliche Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse von Rauchern und Raucherinnen vermissen lassen.

Die gegenseitige Bereitschaft, anderen Menschen zuzubilligen, selbst zu entscheiden was sie für sich wollen ist jedoch die Vorraussetzung für eine freie Gesellschaft. Menschen, die wie viele Antiraucherinnen und Antiraucher nur noch ihre eigenen Wahrheiten als die einzige wahre akzeptierten, zerstören durch ihre Unfähigkeit zur Auseinandersetzung letztendlich unsere Gesellschaft. Denn ein Zusammenleben erfordert die Fähigkeit auch anderen ihren Raum zu lassen.

Die Hetze gegen Raucherinnen und Raucher erinnert in vielem an die Inquisition, die südafrikanische Apartheid und die sozialrassistischen Ausgrenzungen Anderslebender und -denkender durch Rechtsradikale verschiedenster Ausrichtungen. Antiraucherinnen und Antiraucher agieren häufig im Sinne eines Kulturimperialismus. Sie lassen nur ihre eigene Lebensweise als einzig richtige und selig machende gelten. In einer komplexer und immer grösser werdenden Gesellschaft ist hingegen die Akzeptanz und Toleranz für von der eigenen Norm abweichende Menschen die Grundvorrausetzung eines friedlichen Zusammenlebens.

Das heisst nicht, das ich nicht eine klare Meinung habe, was ich für richtig halte und andere sich Streit und Kritik schon gefallen lassen müssen – nur wenn sie sich nicht überzeugen lassen, muss halt gemeinsam eine praktikable Lösung gefunden werden. Ich argumentiere nicht gegen Streit und argumentative Auseinandersetzung, aber als Streit unter gleich Unterschiedlichen. Ich plädiere für eine Streitkultur, die diesen Namen auch verdient. Der polemische Streit, die Zuspitzung, die klare Positionierung ist geradezu eine Vorraussetzung für das Zusammenleben, denn nur so kann eine für alle akzeptable Praxis gefunden werden. Die Bereitschaft sich mit Kritik auseinanderzusetzen, die eigene Lebensweise nicht für sakrosankt zu erklären, ist eine weitere Voraussetzung, die eigene klare Äusserung der eigenen Meinung aber ebenso. Bestimmte Lebensweisen als dreckig, schmutzig oder gar krank auszugrenzen, das ist die Sprache des Totalitarismus oder des Faschismus. Der Hass und die Verfolgung des Anderen werfen sich in ausgleichender Gerechtigkeit letztendlich auch immer wieder auf diejenigen zurück, die den Hass predigen. Denn es ist meist die eigene Ich-Schwäche, die Selbstverachtung, die Menschen zu dieser Form von Hass treibt. So finden sie in ihrer Sekte ihr Heil und ihre Stärke. Das kann dann eine religiöse Erweckungsbewegung sein, das kann die rechtsradikale Gefolgschaft sein, das kann aber auch die Identität als Teil der sauberen Antiraucher- und Antiraucherinnenbewegung sein.

Antiraucherinnen und Antiraucher sind häufig Menschen, die selbst früher geraucht haben, und nun im Bild der anderen Raucherinnen und Raucher auch sich selbst verfolgen, das eigene frühere Rauchen, das sie als „Schwäche“ auslegen und ihnen nun unerträglich scheint. Ich halte dieses Bild vom Menschen für menschenfeindlich. Für mich sind Menschen keine Terminator-Roboter, auch wenn die Werbung mit ihren Kunstkörpern uns dies gerne vorgaukeln will. Ich glaube wenn Antiraucherinnen und Antiraucher sich ihre eigenen Lüste und Gelüste eingestehen könnten, wären sie vielleicht auch in der Lage mit anderen Menschen mitzufühlen, statt gegen Raucherinnen und Raucher zu hetzen.

Sicher ist die zunehmende Verfolgung von Rauchern und Raucherinnen in dieser Gesellschaft für diese zumindest bis jetzt noch kein existenzielles Problem. In diesem Sinn ist sie mit den Ermordungen von Asylsuchenden oder mit der körperlichen Gewalt gegen Homosexuelle nicht vergleichbar.
Aber sieht man wie die Nutzerinnen und Nutzer anderer Rauschmittel zum Teil in die Verelendung getrieben werden, z.B. Menschen, die auch nur geringe Mengen Alkohol trinken in fundamentalistisch islamischen Ländern, oder Haschischraucher und -raucherinnen in den USA, dann sieht man das Gefahrenpotential einer solchen Politik auch in diesem Bereich. Letztendlich unterscheidet sich die progromartige Stimmungsmache vieler Antirauchkampagnen nur marginal von den Hetztiraden fundamentalistischer Moslems gegen den Alkohol oder von der Verteufelung alles Fleischlichen durch fundamentalistisch christliche Sekten in den USA. Der Hass auf das Rauchen ist nicht zu trennen von dem Hass auf all den anderen „Schmutz“, auf andere Rauschmittel, auf eine freie Sexualität, auf Homosexuelle, auf Menschen anderer Hautfarbe.

In den Antirauchkampagnen wird der Boden bereitet für genau solche Denkfiguren und -schemata insgesamt. Und deshalb ist eine Rückkehr zur sachlichen und inhaltlichen Auseinandersetzung unter gleich Unterschiedlichen, zwischen Menschen, die rauchen, und Antirauchern und Antiraucherinnen, zwischen Menschen unterschiedlicher politischer Ausrichtungen, zwischen Menschen mit und ohne religiösen Glauben, zwischen Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Praktiken so wichtig.

Eine freie Gesellschaft basiert auf einem Interessenausgleich von Gleich zu Gleich unter der streitbaren Akzeptanz unterschiedlicher Ziele und Wünsche. Ich hoffe dieses Buch leistet dazu einen Beitrag.

Ende

Revised by Carolus Magnus

One thought on “Freiheit und Rücksichtnahme (2)

  1. Gestern hat Mike Müller bei Giacobbo/Müller im Fernehen 2 Zigaretten geraucht.
    Wetten, dass das mindestens vor der UBI enden wird?

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