Karl wird Nichtraucher

 

Karl wird Nichtraucher

Von Dr. med. Walter Hess, Baden

Es ist schon recht kühl auf dem Nordbalkon seiner Dreieinhalbzimmerwohnung. Karl hat seinen Faserpelz übergezogen, um sich nicht zu erkälten. Heute stösst er nämlich zum letzten Mal tief und andächtig aus seinen Lungen blaue Rauchwölklein in den nebligen Abendhimmel. Emma schaut ihm aus der warmen Stube liebevoll zu. Sie hat nie geraucht, ist endlich froh, dass die Wohnung nie mehr nach Zigarettenrauch stinken wird. Was hat dieser Karl in den letzten fünfzig Jahren alles in sich hineingezogen! Angefangen bei den «Fips» für 55 Rappen das Paket bis zu den heute 6-fränkigen «Gitanes». Sie denkt ungern daran, was sie sich aus all dem Geld gemeinsam hätten leisten können.

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Karl saugt indessen die letzten Rauchportionen genüsslich in sich auf. Kein Hüsteln ist nach all den Jahren zu hören. Im Wohnblock gegenüber, einen Stock höher, inhaliert Sepp ebenfalls den letzten Sargnagel auf seinem Balkon. Die beiden winken sich wie Verschworene seit Monaten als letzte Raucher des Quartiers zu, so wie es Motorradkumpels tun, wenn sie sich auf kurviger Strasse kreuzen: Quasi «morituri te salutant»?

Bei einem Feierabendbier im Restaurant «Zum Glimmstengel» (dieser Name wird wohl bald abgeändert werden) haben sich die beiden inzwischen befreundeten Nochraucher – von Nachbarn, Medien und Wissenschaft erfolgreich zermürbt – geschworen, das offenbar alles vergiftende Laster gemeinsam aufzugeben. Heute ist es nun soweit.

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Der Beschluss ist einstimmig, aber nur halbherzig zustande gekommen. Nach der vierten Stange erst. Die Diskussion war sachlich und heftig. Dieser Zeltner möchte halt (heute europäisch noch auf Platz 18) hinter England und Island einfach einen Anti-Raucher Podestplatz erobern. Gutzwiller schummelt in seinem Wahljahr beträchtlich mit 8300 Rauchertoten pro Jahr. Das stimmt so sicher nicht. Und es ist auch falsch, auf die Zigarettenschachteln «Rauchen ist tödlich» aufzudrucken. Das ist geradezu zynisch und unwahr, erinnert an einen Angst machenden Parteislogan, «Da fehlt nur noch der Ziegenbock», denkt Karl.

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Richtig ist wohl, so meint Sepp klug, dass das Rauchen nur ein Risikofaktor von vielen ist. Dazu gehören nämlich zweifelsohne ein zu hoher Blutdruck, ein zu hoher Cholesterinwert, ein Übergewicht, ein zu hoher Blutzucker und nicht zuletzt der «faule Hund», nämlich die fehlenden körperlichen Betätigungen. Karl nickt Sepp zu. Woher der dies nur alles weiss!

Karl und Sepp wissen genau, dass Zigarettenrauch etwas anderes ist: Es wird (allerdings in Occasionsform und bereits bestens gefiltert) halt an die Umgebung weitergereicht. Es ist für die beiden letztlich ein Gefühl der Solidarität mit den so Betroffenen, wenn sie heute die Rauchproduktion endlich aufgeben.

Erleichtert, den Entschluss zur Nikotinenthaltsamkeit in die Tat umzusetzen, hat unbedingt das Bild des erniedrigenden «Fumoirs», das zu sehr an die notwendige Einrichtung des «Pissoirs» erinnert. Schon der Balkon ist ja problematisch.

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Wirklich, nebst vielen andern Ländern spinnt auch die Schweiz. Gäbe es da nicht andere Prioritäten, die Vorrang bei der Bearbeitung hätten? Was bringt ein rauchfreies Flugzeug vollgestopft mit Geschäftsleuten, das tosend startet und pfeifend landet, die Menschen in der Schneise krankmachend? Warum wird der Alkoholkonsum im Strassenverkehr nicht viel rigoroser bestraft, warum der Raser nicht definitiv aus dem Verkehr gezogen? Warum werden Zweierbeziehungen nicht verboten, wenn man weiss, dass 52 Prozent scheitern werden und dadurch Unglück verstreuen? Warum kämpft Zeltner nicht gegen gebrochene Herzen, wenn er erfährt, dass bei unglücklichen, einsamen Menschen 33 Prozent mehr Herzinfarkte auftreten als bei sich glücklich fühlenden?

Karl fröstelts endlich auf seinem Balkon. Er drückt den bis zum Filter abgerauchten Zigarettenstummel mit seinem gelben Mittelfinger im Aschenbecher aus. Emma schliesst hinter ihm die Tür und meint: «Danke, Karl!»

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Walter Hess, Arzt, wohnt und arbeitet in Baden

Aargauer Zeitung vom 24.10.2007

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